Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Der Siemens-Chef wurde gefeuert, weil die Firma eine Gewinnwarnung aussprechen musste. Gewinnwarnung - was für ein seltsamer Begriff. Eine Unwetterwarnung ist eine Warnung vor einem Unwetter, eine Hitzewarnung kündigt eine Gluthitze an - im Winter gibt es Lawinenwarnungen, dann besteht die Gefahr, dass es zu Lawinenabgängen kommt. Einzige Ausnahme scheint die Gewinnwarnung zu sein.

Ich weiß nicht, wer sich diesen Terminus ausgedacht hat, jedenfalls ist er inzwischen in der Anlegerbranche üblich. Jede Aktiengesellschaft prognostiziert am Anfang eines Geschäftsjahres beziehungsweise eines Quartals das angestrebte Geschäftsergebnis. Wenn der Geschäftsleitung Informationen vorliegen, dass das Ergebnis hinter den Erwartungen zurückbleiben wird, ist eine Ad-hoc-Meldung vorgeschrieben. Diese Meldungen haben unverzüglich zu erfolgen, um Insider-Geschäfte zu verhindern. Nach einer Gewinnwarnung stoßen manche Aktienbesitzer ihre Anteile ab, so dass die Kurse sinken. Es ist vorstellbar, dass der Siemens-Chef gedrängt wurde, eine Gewinnwarnung auszugeben, damit man ihn loswird.

Das Wort Gewinnwarnung stand 2001 in Deutschland auf der Liste zum Unwort des Jahres, wurde aber nicht gewählt. Nach Meinung der Jury ist es ein "von Aktionären verwendeter sachlich falscher Begriff, der vor geringeren Gewinnen als erwartet warnt". Es hätten sich passendere Ausdrücke finden lassen wie etwa Gewinnminderungswarnung - oder, wenn das Unternehmen in die Verlustzone rutscht: Verlustwarnung. Im selben Jahr wurde Gewinnwarnung in Deutschland zum Börsenunwort des Jahres gewählt und sieben Jahre später zum österreichischen Unwort des Jahres. Mit einer ideologischen Begründung: "Dieses Wort erlangte aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Schwierigkeiten große Aktualität und eine erhöhte Verwendungshäufigkeit. Darüber hinaus ist es aus sprachlicher Sicht interessant, da es scheinbar vor Gewinnen warnt, tatsächlich aber Verluste beziehungsweise verminderte Gewinne meint. Es ist damit ein Wort, das die wahren Sachverhalte in höchstem Maße verschleiert und so sowohl in Inhalt als auch in seiner Verwendung für jene undurchsichtigen Vorgänge steht, die derzeit in der Finanz- und Bankenwelt vor sich gehen." Wer gewohnt ist, die Wirtschaftsseiten zu studieren, weiß allerdings, was gemeint ist. Im Englischen heißt es profit warning - profit ist der Gewinn je Aktie. Es handelt sich also um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen. Der Terminus Gewinnwarnung ist übrigens in österreichischen Gesetzestexten nicht festgeschrieben, es ist der Jargon der Börsianer. Dass sich ein klobiger Begriff wie Gewinnminderungswarnung nicht durchsetzen kann, ist klar. Verlustwarnung trifft nicht immer den Sachverhalt, denn oft wird nur darauf hingewiesen, dass die Gewinne geringer als erwartet ausfallen werden. Es geht also um die Prognose einer negativen Ergebnisabweichung, man könnte auch sagen: Das Unternehmen wird unter dem Plan liegen. Das klingt freilich nicht so schön wie Gewinnwarnung.