Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Es war Knochenarbeit. Die Wahlprogramme der Parteien sind allesamt im Internet abrufbar, aber es macht keinen Spaß, sie zu lesen. Man kennt ja die Positionen, und in den Wahlprogrammen werden sie wie ein Strudelteig auseinandergezogen. Ich habe mich entschlossen, sie doch zu lesen, aber nicht auf Inhalt, sondern auf sprachliches Ausdrucksvermögen.

Auffällig im SPÖ-Wahlprogramm sind die Substantivkonstruktionen -  Sätze mit aneinander gereihten Hauptwörtern, zusammengehalten durch ein Hilfszeitwort. "Die Qualität unseres Bildungssystems ist ein entscheidender Faktor für künftigen wirtschaftlichen Wohlstand und die internationale Konkurrenzfähigkeit unseres Landes, aber auch für die Demokratie und den sozialen Zusammenhalt in unserem Land."

Offensichtlich haben die Parteistrategen erkannt, dass so nicht kommuniziert werden darf. Deshalb ließen sie ein "Wahlprogramm leicht lesbar" ins Netz stellen. Dort wird auf dem Sprachniveau eines Volksschülers formuliert: "Was man in der Schule lernt, heißt Bildung. Eine gute Bildung ist wichtig. Mit einer guten Bildung, bekommt man später einen guten Beruf."

Auch das Wahlprogramm der ÖVP strotzt vor Substantivkonstruktionen: "Privates Unternehmertum ist die Grundlage für Wohlstand und Lebensqualität, für soziale Sicherheit, eine gute Ausbildung für die Jungen und auch sichere Pensionen für die Älteren." Der Ausdruck "Grundlage" scheint wie geschaffen für solche Sätze.

Das Programm der FPÖ ist über weite Strecken äußerst holprig formuliert. Was auffällt, sind die zahlreichen Sätze mit "haben" oder "sein" und einem anschließendem Hauptzeitwort: eine Umschreibung für "müssen": "Wer als Ausländer in Österreich ein Kapitalverbrechen begeht, hat seine Haftstrafe in seinem Heimatland zu verbüßen und ist mit einem lebenslangen Einreiseverbot zu belegen." - "Schwarzarbeitende Ausländer haben in ihr Heimatland zurückzukehren." Hier wäre übrigens Getrenntschreibung richtig: "Schwarz arbeitende Ausländer . . ."

Die EU wird kritisiert, weil sie "die Grundsätze der Subsidiarität und der Demokratie mit den Füssen tritt" - ss statt ß! Ein Korrektor hätte auch die Verkürzung von "Leistung" zu "Leisten" bemerkt. Die FPÖ prangert an, dass "bei pflegebedürftigen Eltern die Kinder zur Bezahlung der Pflege- und Betreuungsleisten herangezogen werden."

Wer das Programm der Grünen sucht, landet zunächst bei schön illustrierten Slogans. Auch sie sind nicht frei von Rechtschreibfehlern. "Untersuchungsausschus als Minderheitsrecht" lautet eine der Überschriften. Ausschus? "Für Kindergärten und Schulen, die kein Kind zurück lassen." Zurücklassen! Das alles erinnert an das P. S. in den Postings von Jugendlichen: "Wer Fehler findet, darf sie behalten!" Das Programm der Grünen gibt es immerhin in mehreren Fassungen zum Download: lang, kurz, leicht zu lesen, barrierefrei etc.

Als Entscheidungshilfe wird diese Kolumne hoffentlich nicht dienen. Sonst stiege die Zahl der Nichtwähler deutlich an.