Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Der Nichtwähler möchte, wie schon der Name vermuten lässt, zunächst einmal ein paar Sachen nicht: nicht Steuern zahlen, nicht mit anderen über Politik reden, nicht über die herrschenden Verhältnisse nachdenken und am besten gar nichts wissen.

Zentrale Forderung der Österreichischen Nicht-Wähler Partei (ÖNWP) ist die praktizierte Meinungsfreiheit. Gemeint ist die Freiheit von Meinung.

Diese ideologische Botschaft transportiert die ÖNWP über das O-O-Prinzip, das sich in der MKENM-Lehre manifestiert. (O-O steht hier für "Ollas Oarsch" und MKENM für "Man kann eh nix machen".) Diese politischen Überzeugungen sind jedoch keineswegs in einem luftleeren Raum entstanden. So wie etwa auch die SPÖ letztlich ihr Menschenbild aus der Aufklärung herleitet, die ÖVP aus dem Christentum, die FPÖ . . . ach, lassen wir das lieber .. ., oder die Grünen aus den Bio-Läden entstammen, so entstand auch das Parteiprogramm der ÖNWP auf Basis der Philosophie der Egalität. Diese ist aber nicht mit der französischen "Egalité" (Gleichheit) zu verwechseln. Denn bei der ÖNWP steht Egalität für "Wurschtigkeit". Sich dieser Tradition voll bewusst, sind die Mitglieder der Partei auch regelmäßig am Würstelstand (auch "Parteilokal" genannt) anzutreffen. Sehr aktive Mitglieder sogar schon um neun Uhr Früh.

Im Gegensatz zu allen anderen Parteien, die im Wahlkampf in manische Aktivität verfallen, versteht sich die ÖNWP als Bollwerk der Passivität. Werbung, Plakate, Diskussionsrunden, Babys streicheln und Hunde küssen sind ihr ein Graus. Ganz im Gegenteil schafft sie es geschickt, nur durch den hektischen Aktionismus der anderen Parteien mehr und mehr Wähler an sich zu ziehen. "In der Ruhe liegt die Kraft" könnte ihr Motto lauten, wenn sie nicht Mottos und Kraft rundheraus ablehnen würde. Hier sieht man auch, dass klassische politische Begriffe - werden sie im Zusammenhang mit der ÖNWP genannt - einen radikalen Bedeutungswandel erfahren. Der "Tür-zu-Tür-Wahlkampf" etwa besteht bei den Partei-Mitgliedern der ÖNWP darin, in einer harten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Fernsehgerät jegliche Sendungen über die bevorstehende Wahl zu vermeiden, gezielt umzuschalten und parallel dazu zwischen der Tür des Kühlschranks und der Toiletten zu pendeln. Und doch machen auch die modernen Zeiten nicht vor der ÖNWP Halt. So konnte sie ihre eben beschriebene Stammklientel in den letzten Jahren durch strategisch kluges Nichtstun um neue Wählerschichten erweitern: ob angelinkste Klugscheißer, maulfaule Bauerndeppen, rückwärtsgewandte Greise, durchgehypte Fashionvictims, vollgestresste Alleinerziehende, hirnverbrannte Partypeople oder selbstgerechte Businesssklaven, sie alle lassen sich vom viral-oral verbreiteten Wahlslogan der Partei "Geh, za wos?" mühelos in glühende Anhänger der ÖNWP verwandeln. Und fühlen sich dabei - und das ist vielleicht das größte Husarenstück dieser unpolitischen Gemeinschaft - äußerst individuell.

Obwohl sie Teil einer Massenbewegung sind.