Geisteswissenschafter jammern gern über die Bildungslücken ihrer Studierenden: Da sei doch tatsächlich eine Kandidatin aufgetreten, die gemeint habe, Dantes Hauptwerk heiße "Die Wiener Komödie". Anekdoten dieser Art gibt es zuhauf, und es ist anzunehmen, dass manche zutreffen, andere in den Bereich der sogenannten "urban legends" gehören - ähnlich der oft erzählten und selten erlebten Geschichte von den Bekannten, die aus Indien einen süßen kleinen Hund mitgebracht haben, der sich dann als Ratte entpuppte.

Aber ob die Klagen über den Bildungsschwund nun übertrieben sind oder nicht, sie fallen jedenfalls auf diejenigen zurück, die sie vorbringen. Denn sie können offenbar ihre Erkenntnisse, die doch besten wissenschaftlichen Standards entsprechen, nur schwer weitergeben. Die Studierenden wollen ihnen nicht unbedingt folgen, und in die außeruniversitäre Öffentlichkeit dringt schon gar nichts von dem, was an der Alma Mater gelehrt wird. Und das in Zeiten, in denen die Forderung nach einer Öffnung der Hochschulen allseits erhoben (aber selten verwirklicht) wird.

Zur Erklärung dieses Notstands lässt sich mehr als ein Grund anführen; unter anderem muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob nicht die Verwissenschaftlichung selbst ein Teil des Problems ist. Literaturwissenschaft ist ja darauf angelegt, jede unbefangene Annäherung an die Dichtkunst infrage zu stellen. Das führt zwar zu Erkenntnisgewinnen, aber auch zu Lustverlusten und Einschüchterungen. Wer sich einmal richtig blamieren möchte, kann zum Beispiel den Versuch machen, an einem philologischen Hochschulinstitut den Erzähler eines Textes mit dessen Autor zu identifizieren; oder behaupten, ein literarischer Text gäbe nachprüfbare Auskünfte über die Wirklichkeit. Da werden dann die gelehrten Stirnen mächtig gerunzelt, denn die derzeit führenden Kulturwissenschafter legen großen Wert auf die Feststellung, dass ein Artefakt notwendigerweise ein "Konstrukt" mit fragwürdigem Subjekts- und Realitätsbezug sei. Wenn aber alles, was in den Büchern steht, als "Konstrukt" entlarvt wird - warum soll man es dann noch lesen wollen?

Dabei gibt es nach wie vor eine interessierte Leserschaft. Sie kann mit Literatur mehr anfangen als mit Theorie. Lesenden Laien geht es nicht um Wissenschaft, sondern um den eigenen Nutzen und Genuss. Wenn sie einen Roman lesen, finden sie "ihren" Autor im Text oder identifizieren sich mit dieser oder jener Kunstfigur. Und auf Reisen ziehen sie die Literatur zu Rate, um die Welt besser zu verstehen.

Das heißt also, dass sich diese Leser genau jene Einheit von Literatur und Leben wünschen, die von den Text- und Kulturwissenschaften seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Argumenten infrage gestellt wird. Und weil das so ist, haben populäre Biographien und Reiseberichte das Zeug zum Sachbuch-Bestseller, während germanistisch-textbezogene Studien unverkäuflich in den Regalen der Buchhandlungen verstauben.