Eine seltsam anmutende Frage drängt sich bei den Streifzügen durch die Welt der edlen Blogs auf, also jener Tauschbörsen für Fotos, die man dann auf eigene Seiten übernehmen kann und die sich dadurch wie in einem Schneeballverfahren vervielfältigen. Dabei geht es meist um Mode, Wohnen, Autos, Uhren, Schuhe und allerlei sonstige Beigaben der ästhetischen Gestaltung des Alltags, auf Abermillionen Sites bei tumblr, pinterest, yatzer, sartorialist usw.

Die Frage also, die sich sehr bald stellte, war diese: Was fasziniert junge Blogger an der Mode älterer Herren? Diese Frage kam mir deshalb in den Sinn, weil in dieser Bilderwelt der wechselseitig ausgetauschten Foto-Funde auffallend oft eben diese älteren Herren in sommerlicher Kleidung und Panamahüten gepostet und repostet werden, wie man das ja im Insiderjargon nennt.

Natürlich keimt der Verdacht, das sei Guerilla-Marketing. Seeding, virale Werbung. Doch der Verdacht täuscht, denn selbst Fotos aus kommerziellen Quellen sind freiwillig übernommen. Das Marketing gehorcht also dem Prinzip der Blogs und stellt bereits diesem Stil angepasste Objekte einfach zur freien Verfügung. Zum Beispiel das Foto des italienischen Herrenschneiders Luciano Barbera vor arkadischer Kulisse, in ecrufarbenem Sacco, mit grüner Krawatte und einem Panamahut. Oder das Foto von der Website eines Mr. Porter, wieder mit Strohhut, zudem am Volant eines Alfa Romeo Giulietta Spider, gebaut zwischen 1955 und 1962. Oder eine Reihe von Bildern, die eigentlich aus dem Web-Katalog von Herrenausstatter Cesare Attolini stammen: auch hier dasselbe Muster, auch hier wieder die Oldtimer als Staffage behüteter Herren. Klassiker.

Attolini ist wohl vor allem deshalb ins Gespräch gekommen, weiler Toni Servillo, den Hauptdarsteller eines der preisgekrönten Filmein Cannes 2013, Paolo Sorrentinos La Grande Belezza,für die Rolle eingekleidet hat. Die von Servillo brillant gespielte Figur, der ebenso desillusionierte wie zynische, dennoch nachdenkliche und philosophische, 65 Jahre alte Boulevardjournalist Jep Gambardella ist im Netz schnell zur modischen Ikone avanciert, mit den skizzierten Versatzstücken ausgestattet: Sommeranzüge, rote, gelbe Saccos (aber eben in einem Rot oder Gelb, das ganz und gar nicht pöbelhaft aufdringlich wirkt), Panamahüte, lässige Eleganz insgesamt.

Was also bedeutet das alles? Die Frage wird umso drängender, je häufiger man durch die Stadt flaniert. Denn gerade die, die man sich so als Freizeitblogger vorstellt, sehen in der Öffentlichkeit ganz anders aus, zerschlissene Jeans, Kapuzen-Pullis, abgelatschte Turnschuhe. Offensichtlich führen sie aber insgeheim ein zweites Leben. Vielleicht ziehen sie sich ja zu Hause um, wie früher zum Diner nun zum festlichen Bildertausch. Oder ist es gar ein Blick in die Zukunft, um schon mal vorzubauen für jenes Alter, in dem man mit Kapuzenpullis doch eher skurril wirken würde?

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.