Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

"Mir fällt immer wieder diese falsche Substantivierung auf", schreibt mir mein Kollege Gerald Jatzek. Und er fügt als aktuelles Beispiel einen Satz aus einer Meldung der Austria Presse Agentur (APA) an: "Die möglicher Weise entführte kleine Maria in Griechenland ist mindestens fünf bis sechs Jahre alt statt nur vier."

Die Schreibung "möglicher Weise" gilt nach den heutigen Rechtschreibregeln als falsch. Ich halte sie sogar für einen groben Fehler, die Schreibung der APA tut mir weh.

Warum eigentlich? Wir haben es hier mit einer Verbindung von zwei Wörtern zu tun, bei der das zweite, das Substantiv, seinen Charakter aufgegeben hat. Der Sprachwissenschafter sagt: Das Substantiv ist verblasst. Die Zusammensetzung hat eine ähnliche Bedeutung wie das Adverb "vielleicht": "Die kleine Maria ist vielleicht entführt worden."

Apropos "vielleicht": Auch dieses Wort ist eine Zusammensetzung. Im Mittelalter ist die Wendung vil lihte entstanden, mit folgender Bedeutung: sehr leicht. Irgendwann hat man begonnen, die zwei Wörter als Einheit zu empfinden, aus dem getrennt geschriebenen viel lichte wurde das zusammengeschriebene "vielleicht". Wenn wir heute dieses Adverb gebrauchen, denken wir gar nicht mehr daran, dass es aus zwei Komponenten besteht. Die Einzelbedeutungen sind uns nicht mehr bewusst. Das ist der Zug der Zeit. Wörter werden kombiniert, nebeneinander gestellt und schließlich so fest miteinander verknüpft, dass nur mehr das neue Ganze zu sehen ist. Die zusammengeschriebene Variante ist meist die modernere.

Wobei in diesem Fall nicht davon auszugehen ist, dass der Verfasser der Meldung ein älterer Journalist war. So alt kann niemand sein, dass er in der Schule die Schreibung "möglicher Weise" gelernt hat. Ich glaube, der Urheber war besonders jung. Wer gewohnt ist, auf dem Smartphone oder dem Tablet mit "Swype" Texte einzugeben, der wird festgestellt haben, dass das Texterkennungssystem bei Wortzusammensetzungen Probleme hat. Es ist daher sinnvoll, Komposita in Form ihrer einzelnen Bestandteile einzugeben. Da kann es leicht passieren, dass sich zwischen den einzelnen Komponenten Abstände einschleichen.

Den Redakteur wird vielleicht auch verwirrt haben, dass in Kombination mit dem Wort "Weise" auch Getrenntschreibungen möglich sind. "Er hat in typischer Weise reagiert." Die Präposition "in" deutet an, dass wir es mit einem Substantiv zu tun haben: in dieser typischen Weise. Bei "frecherweise", "klugerweise" ist das Wort "Weise" hingegen nur der zweite Bestandteil eines Adverbs.

Manchmal ist beides möglich - mit unterschiedlichen Bedeutungen. Die "Duden"-Redaktion hat sich ein nettes Beispiel ausgedacht. In dem Satz "Er hat sich ihr in frecher Weise genähert" wird die Art, wie sich jemand genähert hat, gekennzeichnet. In dem Satz "Er hat sich ihr frecherweise genähert" wird ausgedrückt, wie das Geschehen von einem übergeordneten Standpunkt aus zu sehen ist: Es war eine Frechheit, dass er sich ihr überhaupt genähert hat.