Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Jetzt wird Sebastian Vettel von allen Seiten mit Lobeshymnen überschüttet. Aber mir ist auch noch in Erinnerung, dass der Deutsche bei zwei Siegerehrungen von ausländischen Fans ausgepfiffen und ausgebuht wurde.

Dies kann verschiedene Gründe gehabt haben: dass sich Vettel am Beginn der Saison einer Anordnung des Teams widersetzte und seinem australischen Kollegen einen Sieg stahl. Dass er anschließend die Konkurrenz in Grund und Boden fuhr. Dass dadurch viele Rennen langweilig waren. Dass er sich beharrlich weigert, auf Twitter und Facebook präsent zu sein.

Nicht zuletzt könnte auch der "Vettel-Finger", mit dem er seit Jahren seine Siege zelebriert, eine Image schädigende Wirkung haben. Der Deutsche streckt den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe. Auch Fußballer tun das - nachdem sie ein Tor geschossenen haben. Es handelt sich um eine Art des Aufzeigens: Seht her, ich habe angeschrieben! Der Ballen der Hand ist dabei dem Publikum zugewandt. Vettel wendet jedoch nicht den Handballen, sondern den Handrücken dem Publikum zu. Dadurch kann der in die Höhe gestreckte Zeigefinger als obszönes Zeichen interpretiert werden. Ein englischer Konkurrent Vettels hat das öffentlich kritisiert. Und außerdem ließ er sich eine alternative Siegesgeste einfallen. Um Vettel zu ärgern, formte er nach einem Sieg aus vier Fingern ein W als Symbol für "Winner".

Das Problem ist: Der "Vettel-Finger" sieht wie eine Abwandlung des Stinkefingers aus. Dabei wird der Mittelfinger in die Höhe gestreckt, ebenfalls mit dem Handrücken zu der geschmähten Person, in einer anderen Variante der Mittelfinger und der Zeigefinger - das ist ein um 180 Grad gedrehtes Victory-Zeichen. Bei einer noch etwas aggressiveren Variante wird die linke Hand in die rechte Armbeuge geschlagen, während die rechte Hand mit dem ausgestreckten Finger nach oben schnellt.

Wenn Vettel die nach ihm benannte Geste macht, entsteht ebenfalls eine Bewegung der Hand von unten nach oben - es geht nicht anders. Vettel könnte den Symbolgehalt in der englischen Version von Wikipedia nachlesen und hat es vielleicht sogar getan: "fuck off", "fuck you", "go fuck youself" oder "shove it up your ass". Schon die antiken Griechen gebrauchten die Geste in diesem Sinn, die Römer nannten den erigierten Finger "digitus impudicus". Vettel ist mehrmals auf den Charakter der Geste aufmerksam gemacht worden. Seine Reaktion? Da er den hochgestreckten Zeigefinger bereits seit langem als persönliches Siegeszeichen verwende, wolle er dabei bleiben.

Er fühlt sich wohl ungerecht behandelt, denn von vielen namhaften Popstars gibt es Fotos, die sie mit dieser Handhaltung zeigen - vereinzelt sogar auf einem CD-Cover. Tabubrüche kommen bei den jungen Leuten gut an. Aber nur, wenn es gegen andere geht. Britney Spears hat einmal den "richtigen" Stinkefinger ausgefahren, um einige Paparazzi zu schmähen. Als später ihre Fans glaubten, das Zeichen sei gegen sie gerichtet gewesen, entschuldigte sie sich.