Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Was hat man uns nicht schon alles vorgegaukelt. Als in der Amtszeit von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel die Pensionen gekürzt wurden, hieß es, das sei eine Pensionssicherungsreform gewesen. Noch Jahre danach wurde diese von den Regierungsmitgliedern als Meilenstein gepriesen. Die Opposition kämpfte mit geringem Erfolg gegen die Wortwahl an.

Es war ein klassischer Fall von Euphemismus. Pensionssicherungsreform war ein Ausdruck, der den Sachverhalt beschönigend, mildernd oder verschleiernd beschrieb. Das Gegenteil ist der Dysphemismus, dieser wertet das Bezeichnete ab.

Wenn es in einem Unternehmen zu einer negativen Planabweichung kommt, dann sprechen die Manager nicht dysphemistisch von einem Budgetloch, sondern euphemistisch von einer Finanzierungslücke. Aus gutem Grund: Der "Große Duden" definiert das Wort Loch so: "durch Beschädigung, (absichtliche) Einwirkung oder Ähnlichem entstandene offene Stelle, an der die Substanz nicht mehr vorhanden ist." Wie konnte sich der Begriff Budgetloch in der politischen Debatte durchsetzen? Der erste Beleg für das Wort findet sich in der Tageszeitung "Österreich" vom 5. November. "Die Finanzgruppe von SPÖ und ÖVP trifft sich heute in Wien zum zweiten Mal - und diesmal geht es ans Eingemachte. Wie ,Österreich‘ erfuhr, soll eine Art Kassasturz durchgeführt werden. Und der hat es in sich. Laut ,Österreich‘-Recherchen klafft bis 2018 ein Budgetloch in der Größenordnung von acht Milliarden Euro."

Am selben Tag greift der FPÖ-Pressedienst "die durchgesickerten Meldungen über ein Budgetloch von acht Milliarden Euro" auf. Die ÖVP-Finanzministerin und der SPÖ-Staatssekretär hätten davon wissen müssen, und zwar bereits vor der Wahl. "Jetzt so zu tun, als fördere erst der Kassasturz ein Diktat der leeren Kassen zutage, ist wenig glaubhaft." Der Kassasturz diene offenbar dazu, das Wahlversprechen einer Steuerreform als unerfüllbar abzutun.

Stunden später schicken die Grünen eine Einladung zu einer Pressekonferenz aus. Sie soll am 6. November stattfinden. Der Titel: "Fekter & Co. sagen Unwahrheit - Budgetloch weit größer". Diese Veranstaltung findet sich natürlich auch in der APA-Terminvorschau. Am 7. November taucht dann das Wort Budgetloch in den Bundesländerzeitungen und im "Standard" auf. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Interessant ist: Niemand in der SPÖ und in der ÖVP trat entschieden gegen die Wortwahl auf. Vermutlich dachte jeder: Je größer das Budgetloch, desto leichter setzen wir bei unserer eigenen Klientel Kürzungen durch. Für die ÖVP war es auch eine Fortsetzung der Wahlkampflinie "abgesandeltes Österreich".

Inzwischen ist der Terminus Allgemeingut. Bundeskanzler Werner Faymann und Vizekanzler Michael Spindelegger erinnern an die Figuren eines alten Scherzliedes: "Da ist ein Loch im Budget, lieber Werner, lieber Werner, ein Loch im Budget, lieber Werner, ein Loch!" - "Verstopf es, lieber Michael, lieber Michael, verstopf es!" - "Womit denn, lieber Werner, lieber Werner, womit?"

Womit? Wir werden es demnächst erfahren.