Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Große Aufregung herrschte vor kurzem in den sozialen Medien. "Habt ihr gelesen, Babo ist das Jugendwort 2013?" - "Nie gehört, werde meine Tochter fragen." - "Mein Sohn sagt, das Wort ist ziemlich prolo." Und dann wird eifrig gegoogelt. "Da geht es vermutlich um einen Song des türkisch-stämmigen Rappers ,Haftbefehl‘!" - "Der Titel heißt: ,Chabos wissen wer der Babo ist‘." - "Er hat auf Youtube 12 Millionen Klicks!" - "Heißt auf Deutsch: Burschen wissen, wer der Chef ist."

Gewählt wird im November und im Dezember. Zur Wahl stehen aber nicht die Parteien, sondern die Wörter. Jedes Ergebnis einer Wahl, und inzwischen gibt es mehrere, wird von den Medien laut hinausposaunt und vom Publikum heftig diskutiert.

Die Erfolgsgeschichte begann Anfang der 70er Jahre in Deutschland. Die in Wiesbaden ansässige "Gesellschaft für deutsche Sprache" publizierte erstmals ein Wort des Jahres - es sollte eine Art sprachlicher Jahresrückblick sein. Später kam das Unwort hinzu, dann das Jugendwort.

Weil häufig Wörter gewannen, die von deutschen Politikern oder Medien geprägt wurden und keinen Bezug zu Österreich hatten, bildete sich in Graz eine Initiative mit gleicher Zielsetzung. Ein Germanist, ein Romanist, ein Slawist und eine Sprachwissenschafterin präsentieren uns in Kooperation mit der Austria Presse Agentur Jahr für Jahr ein Wort, ein Unwort, ein Jugendwort sowie einen Ausspruch und einen Unspruch des Jahres - Unspruch möchte ich hiermit gleich für die Wahl zum nächsten Unwort einreichen.

Neben diesen nationalen Initiativen haben sich auch deutsche Verlage der Idee bemächtigt. Gegen Jahresende erscheinen bei "Pons" und "Langenscheidt" Mini-Bücher mit Neuschöpfungen der Jugendsprache. So gibt es auch ein Jugendwort des Jahres "als Initiative der Langenscheidt GmbH & Co. KG in Kooperation mit der Jugendmesse ,You‘, der Jugendzeitung ,Yaez‘ und der Zeitschrift ,Mädchen‘" - heuer ist es Babo.

Das Auswahlverfahren ist bei allen Initiativen gleich. Es beginnt mit einer Aufforderung, Wörter einzusenden. Dann trifft eine Jury freihändig eine Vorauswahl - darüber darf per Mail abgestimmt werden. Am Ende setzt sich die Jury noch einmal zusammen und entscheidet freihändig, welcher Ausdruck in die Auslage kommen soll.

Es handelt sich also um ein scheindemokratisches Verfahren mit schwacher Legitimation. Und doch erfüllt es seinen Zweck: Es wird über die Sprache diskutiert - außerhalb des Elfenbeinturms. Der informierte Internetnutzer wird ja in der Lage sein, die Urheber und deren Absichten auszumachen. Mit der Wahl von "Babo" will "Langenscheidt" wohl den türkisch-stämmigen Jugendlichen signalisieren, dass auch ihre Ausdrücke zum deutschen Wortschatz gehören - damit sie später zu den gelben Wörterbüchern greifen. Dass die Wahl als Reklame für das Lied "Chabos wissen wer der Babo ist" verstanden werden kann, nehmen sie in Kauf. Der Text, ein Gemisch aus Deutsch, Türkisch, Englisch und Rotwelsch, wäre Stoff für eine eigene Kolumne.