Wenn man so alt ist wie ich, gefallen einem die Geschichten von früher besser als das meiste, was heutzutage vor sich geht. Also werde ich jetzt gegen alle Aktualitätsforderungen verstoßen und eine Episode aus meiner Jugendzeit erzählen: Da eröffnete tatsächlich einmal eine Dame meinen Eltern, sie fände Gefallen an meinen sechzehnjährigen Jünglingskörper und würde mich gerne in die Mysterien des Eros einweihen.

Das ist schon 45 Jahre her, und natürlich blieb dieses Ansinnen damals ohne Folgen. Vater und Mutter reagierten befremdet, das Ganze endete irgendwie peinlich, und ich erfuhr zunächst überhaupt nichts davon. Meine Mutter erzählte mir all das erst viel später, als ich längst erwachsen und meine einstige Verehrerin gar nicht mehr am Leben war.

Heute aber erheitert mich diese kleine Pikanterie, und ich vergnüge mich zuweilen mit ein paar Ausschmückungen, die aus der Geschichte mehr herausholen, als eigentlich drinnen ist: "Als ich sechzehn war, hat mich eine Freundin meiner Eltern verführt, die so alt war wie mein Vater. Eine stolze Deutsche, preußischer Adel, bürgerlich verheiratet, ostgebietlich heimatvertrieben. Einmal war ihr Mann beruflich unterwegs, da schickten mich meine Eltern zu ihr; ich sollte etwas abgeben. Ich klingelte, sie öffnete die Tür und stand im seidenen Negligé vor mir. Ich errötete, sie nahm mich bei der Hand und zog mich in ihr Schlafzimmer . . . "

Naja - das ist halt so eine Männerphantasie, die mit der Wirklichkeit nicht allzu viel gemein hat (genau das ist ja das Schöne an den Phantasien). Mir ist durchaus bewusst, dass ich der Dame mit diesem nachträglichen Hirngespinst ein bisschen Unrecht tue. Denn sie war gar nicht so dekadent, wie ich das gerade ausgemalt habe.

Angenommen, ich hätte mich damals in pubertärem Überschwang in die schöne Frau verliebt - und schön war sie, das bemerkte sogar ein so scheuer Knabe wie ich - angenommen also, ich hätte eines Abends an ihre Türe geklopft: "Lassen Sie mich ein, Frau Gräfin, ich liebe Sie!" Was wäre dann geschehen? Das weiß man natürlich nicht, aber ich vermute, sie hätte mich ausgelacht und heimgeschickt.

Denn die Dame war keine gewissenlose Knaben-Vernascherin, sondern nur eine nonkonformistische Intellektuelle der 60er Jahre, die ein Vergnügen daran fand, die honette Bürgerwelt zu provozieren. Leichte Verletzungen sexueller Tabus waren damals ja chic. Deshalb hat sie in einer aufgekratzten Stimmung meine Eltern gefragt: "Was meint Ihr, wäre das nicht witzig, wenn ich Eurem hübschen Söhnchen die Unschuld rauben würde?"

Irgendetwas dieser Art hat sie sicher gesagt, aber ernst gemeint hat sie es nicht. Glücklicherweise. Denn wenn ich mir vorstelle, sie hätte sich damals an mich herangemacht, werde ich heute noch schamrötlich. Da aber nichts geschehen ist, sondern nur geredet wurde, kann ich mich jetzt unbeschwert darüber freuen, dass ich einmal das Objekt einer erotischen Frauenphantasie gewesen bin.