Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Die Lexika definieren Quereinsteiger so: Es handelt sich um eine Person, die aus einer fremden Branche in ein neues Betätigungsfeld wechselt, ohne die übliche Berufsausbildung oder das erforderliche Studium absolviert zu haben. "Quereinsteiger" taucht im "Österreichischen Wörterbuch" erstmals 1997 auf. In unserem Nachbarland verwendete man damals nur "Seiteneinsteiger" - es war 1991 in den Rechtschreib-Duden aufgenommen worden. "Quereinsteiger" steht seit 2004 im Duden.

In der Wirtschaft werden Quereinsteiger gezielt von Unternehmen eingestellt, um sich branchenfremdes Wissen zu eigen zu machen. Wenn beispielsweise ein Unternehmen, das Spielautomaten herstellt oder vermietet und im Glücksspiel tätig ist, einen Geisteswissenschafter in den Vorstand beruft, dann könnte dahinter die Absicht stecken, diese Geschäftszweige sozial verträglich zu gestalten.

Der jetzige EU-Kommissar Johannes Hahn hätte dafür beinahe als Beispiel herhalten können. Er war Landesgeschäftsführer der ÖVP-Wien und Gemeinderat, als er einen Job im Vorstand bei Novomatic annahm, dann wurde er Vorstandvorsitzender von Novomatic und Aufsichtsratsvorsitzender von Admiral Sportwetten. Dass er in den Fächern Philosophie, Publizistik und Germanistik promoviert hatte, wird allerdings die Eigentümer weniger beeindruckt haben als der Umstand, dass Hahn weiterhin seine politischen Funktionen ausübte.

Wir kennen ja Frank Stronachs Vorliebe, ehemalige Politiker in seinem Konzern zu etablieren. Der prominenteste war Franz Vranitzky - zu einem Zeitpunkt, als er nicht mehr Bundeskanzler war. Politische Kontakte sind Goldes wert, und so zählen pensionierte Politiker zu den häufigsten Quereinsteigern dieser Art. Dazu gehört auch Alfred Gusenbauer: Knapp zwei Jahre Bundeskanzler, schon rollt der Rubel.

Aus einer Wikipedia-Aufstellung geht hervor, dass in Österreich Quereinsteiger vor allem aus dem ORF rekrutiert werden. Aus dieser Liste sticht Helmut Zilk hervor, die meisten der anderen 16 Personen sind bald in der Versenkung verschwunden. Es entsteht der Eindruck, dass sich die Parteien vor allem deshalb für ORF-Mitarbeiter entscheiden, weil sie meinen, ein aus dem Fernsehen bekanntes Gesicht bringe Stimmen.

Als Quereinsteiger aus der Wirtschaft werden Hans Peter Haselsteiner, Frank Stronach und Richard Lugner aufgelistet. Der Rest sind Printjournalisten, Schauspieler und - Sportler: Die Erfolgreichste unter ihnen war Liese Prokop.

Wo sind die echten Quereinsteiger? Eugen Freund? Eher nein. Helene Karmasin? Warum die Kenntnisse einer Meinungsforscherin gerade im Familienministerium vonnöten sind, ist schwer nachzuvollziehen. Auch sie ist ein bekanntes Gesicht aus dem Fernsehen. Am ehesten entspricht dem Bild eines Quereinsteigers Sebastian Kurz in seiner Rolle als Außenminister. Er hat weder ein abgeschlossenes Studium noch ein Präalabel - die Prüfung für die Aufnahme in den diplomatischen Dienst. Er ist die spannendste Neubesetzung. Alle warten, ob er neue Akzente setzt.