Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Auf Youtube finden Sie unter "A magazine is an iPad that does not work" ein bemerkenswertes Video. Man sieht ein glückliches Kleinkind, das auf einem Tablet herumwischt. Dann erscheint eine Einblendung, die das Gezeigte aus der Perspektive des Kindes kommentiert: "Es funktioniert!" Das Kind nimmt ein Hochglanzmagazin zur Hand und bearbeitet es mit Wischbewegungen und mit der Zwei-Finger-Technik zum Verkleinern und Vergrößern. "Kaputt? Oder hat mein Finger was?" Es drückt mit dem Zeigefinger auf die Magazinseite, dann auf den Oberschenkel - der Finger ist noch da. Am Ende greift das Kind zum Tablet und erstrahlt. In der Einblendung steht: "Für meine ein Jahr alte Tochter ist eine Zeitschrift ein iPad, das nicht funktioniert."

Das Video wurde mehr als vier Millionen Mal angeklickt. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Video wohl kaum verständlich gewesen, heutzutage ist die Geste des Wischens zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Oliver Ruf, Professor für Ästhetische Theorie, Medienästhetik und Kulturwissenschaften an der Hochschule Furtwangen, hat diese Mediengeste in einem Essay mit dem Titel "Wischen und Schreiben" vor einem medientheoretischen Hintergrund untersucht - im altbewährten Medium Buch, erschienen im Kadmos Verlag.

Was das Schreiben anlangt, setzt Oliver Ruf bei der Swype-Methode an: Der Finger fährt auf der digital erscheinenden Eingabetastatur von Buchstabe zu Buchstabe, ohne angehoben zu werden. Die Applikation bearbeitet währenddessen die Eingabe und vervollständigt sie. Damit seien die Medien nicht länger als Verlängerung des Menschen zu betrachten, sondern der Mensch scheint an die Apparate angeschlossen zu sein, Subjekt- und Objektposition fallen in sich zusammen - so führt Oliver Ruf Gedanken von McLuhan und Baudrillard weiter. "Die Buchstaben werden geschrieben, als ob sie getippt wären. Sie sind jedoch gewischt. Das ist er, der Clou des ,bewegten‘ Schreibens, der den Körper ins (virtuelle) Gehäuse des Mediums sperrt."

Wer schreibt heute mit Füllfeder, Kugelschreiber oder Schreibmaschine? Und wer mit Smartphone oder Tablet? Ich schreibe Mails auf dem Smartphone mit Swype. Zeitungen lese ich auf einem Android-Tablet, Bücher auf einem Tolino-Reader - aber die wichtigen möchte ich in Händen halten, und nicht auf (!) ihnen wischen, sondern in (!) ihnen blättern. Dass der Haymon-Verlag alle meine Bücher auch als E-Books anbietet, freut mich.

Aber ich gestehe: Diese Kolumne verfasse ich auf einem herkömmlichen Notebook mit klassischer Tastatur. Das ist meine altmodische Seite.

Und auf Youtube gefällt mir auch der Werbespot "Paper is not dead": Ein Mann wischt in allen Lebenslagen auf dem iPad herum, macht sich über die Notizzettel seiner Frau am Kühlschrank lustig und zeigt ihr, wie man ein Sudoko am Schirm ausfüllt. Als er am Thron sitzt und das Klopapier ausgegangen ist, ruft er nach seiner Frau und bittet um Nachschub. Diese schiebt ihm unter der Tür das iPad hinein.