Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Nach einem langen Abend mit Freunden am 30. April stand ich voller Erwartung auf die erste Bahn an einer Straßenbahnstation. Um halb fünf würde die erste fahren, war ich mir sicher. Aber um halb fünf war keine Straßenbahn da. Auch um dreiviertel nicht. Und um fünf auch nicht. Den Fahrplan konnte ich mittlerweile auswendig, so oft hatte ich schon drauf geschaut, und gerade als ich beginnen wollte, vor lauter Ärger, die Station aufzuessen, fiel es mir wieder ein: "Ach, so! Es ist ja erster Mai!" Und dann blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf den langen, langen Fußmarsch nach Hause zu machen.

Denn, liebe Kinder, am ersten Mai fuhr damals bis Mittag gar nichts und Geld fürs Taxi hatte der Abend nicht übrig gelassen.

So war das jeden ersten Mai. Bis irgendwann in den Nuller-Jahren durchgesetzt wurde, dass auch an diesem Tag alle öffentlichen Verkehrsmittel ganztägig zu fahren haben.

Letzten Mittwoch aber haben in Wien die Mitarbeiter der "Öffis" gestreikt und da ist mir all das wieder eingefallen. Denn so ärgerlich es vielleicht an diesen diversen Ersten-Mai-Morgen auch war, nach Hause hatschen zu müssen, irgendwie mochte ich das.

Ich mochte es, dass es einmal im Jahr einen Tag gab, der alle daran erinnerte, dass Bim, Bus und U-Bahn nicht von alleine fahren, sondern, dass da Menschen drinnensitzen, die diese Arbeit machen. Arbeit, die - ähnlich wie Hausarbeit, Postzustellung, Lichttechnik oder Müllabfuhr - erst dann richtig sichtbar wird, wenn sie einmal nicht gemacht wird.

Bei dem Streik am Mittwoch ging es zwar scheinbar um etwas anderes: um die Sicherheit der Fahrer, die regelmäßig Pöbeleien und Gewalt von Fahrgästen ausgesetzt sind. Ich glaub aber, das hängt zusammen: Wenn man keinen Respekt hat vor dem, der die Hack’n macht, kann man ihn auch schlecht behandeln. Warum hat man aber keinen Respekt? Weil man nicht versteht, dass das Arbeit ist, die notwendig ist. Und warum versteht man das nicht? Weil sie jeden Tag stillschweigend erledigt wird.

Insofern reicht ein erster Mai wahrscheinlich gar nicht aus. Wir brauchen viel mehr einen ersten Mai für jede unsichtbare Berufsgruppe. Jede dieser vor sich schweigend hinarbeitenden Branchen sollte sich einen Tag im Jahr aussuchen, wo sie nichts tut. Gar nichts. Niente. Nada.

Wenn also dann wieder der erste Mai den Damen und Herren von den Wiener Linien zum Blaumachen gehört, dann nehmen wir doch gleich den nächsten Tag für die Hausfrauen, die da gar nichts tun. Am dritten Mai gibt’s dann keine Postzustellung (auch von Amazon nicht) und am vierten liegen alle Jungs von der Müllabfuhr auf der Donauinsel und...und so weiter.

Oh, ich weiß, die Herren aus der Wirtschaft und Managementabteilungen werden sagen: "Was das kostet! Der wirtschaftliche Schaden! Das Ende ist nah!"

Ja. Wahrscheinlich kostet das was. Aber dafür bekommen die als "human ressources" beschimpften Arbeitnehmer mal wieder ein Stück menschlicher Würde zurück.

Und zweitens: Auch die Damen und Herren aus den Chefetagen dürfen sich einen beliebigen Arbeitstag freinehmen. O.k.?

Aber bitte sich nachher nicht wundern, wenn es keiner bemerkt.