"Eine Weltkarte, die das Land Utopia nicht enthielte, wäre es nicht wert, dass man einen Blick auf sie wirft, denn in ihr fehlt das einzige Land, in dem die Menschheit immer landet", schriebOscar Wilde. Stimmt. Wenn auch die Vorstellungen einer idealen Welt von Mensch zu Mensch weit auseinanderklaffen, und eine Gesellschaft, in der alle dieselben Meinungen und Vorstellungen hätten, keineswegs eine ideale wäre, so träumt man sich doch hin und wieder auf eine Insel Utopia, wo es keine Konflikte gibt und alle Menschen zufrieden sind, man selbst eingeschlossen.

Deshalb errang das bescheiden aufgemachte Büchlein mit dem Titel "Völlig utopisch" und dem Untertitel "17 Beispiele einer besseren Welt" meine Aufmerksamkeit (Pantheon-Verlag, Hrsg. Marc Engelhardt, Vorsitzender des Korrespondentennetzwerkes Weltreporter.net). Laut Inhaltsangabe handelt es sich um Reportagen über bereits gänzlich oder zumindest in Ansätzen realisierte Utopien.

Nach einer Einführung von Ilija Trojanow zur Machbarkeit von Utopien begann die Reise. Sie führte zunächst nach Neuseeland an den Gorge River, wo die Familie eines Aussteigers weitgehend autark im Urwald wohnt, mehrere Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt. Später ging es in die USA, in ein Camperdorf für hartgesottene Aussteiger nahe der mexikanischen Grenze bei 45 Grad im Schatten - und meistens ist gar kein Schatten da. Dennoch inspiriert die Atmosphäre zwischen staubigen Dornbüschen die dort ansässigen Künstler zu kreativer Arbeit. Nicht so ganz das Meine. Man beginnt sich dort wohl nach dem ganz normalen, konsumgesteuerten Leben zu sehnen.

Einige Initiativen mit gesellschaftspolitischer Brisanz und Relevanz verblüfften und überzeugten mich, wie eine Waldorfschule in China, die mit großem Risiko als Alternative zum repressiven öffentlichen Bildungssystem im Untergrund geführt wird. Oder der Kibbuz Kishorit im Norden Israels, wo behinderte Menschen gemäß ihren Bedürfnissen leben können, ohne entmündigt zu werden. Auch das Grundeinkommens-Experiment in einem namibischen Dorf ist vielversprechend. Das offenbar gut funktionierende Kleinstadtviertel für Demenzkranke bei Amsterdam indes erschien mir mit seinen Lebensstil-Inszenierungen wie ein Potemkinsches Dorf.

Auch Kommunen entstehen wieder, die sich vorgenommen haben, anders zu leben, zu denken, zu lieben - selbst verwaltet, selbstbestimmt, basisdemokratisch, oft mit Tendenz zu Lagerverhalten und fast immer als Gärtner von gesundem Gemüse. Als Versuchsmodell interessant, aber . . .

So ging es mir mit etlichen diese Beispiele für ein besseres Leben. Sie waren mir zu verklärt, zu abgeschieden, zu verrückt, zu verstörend, zu unsicher, zu spirituell, zu gesund, zu ungesund, zu einsam, zu kollektiv und in vielen Fällen schlichtweg zu unbequem.

Wie schrieb schon Friedrich Hebbel: "Der Utopist sieht das Paradies, der Realist das Paradies plus Schlange."

Irene Prugger, geb. 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.