Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Es gibt Aussprüche, die im kollektiven Gedächtnis eines Landes hängen bleiben. Wer am Sonntag den Songcontest im ORF gesehen hat, weiß, wovon ich rede. Als Conchita Wurst uneinholbar in Führung lag, wurde der Sieg Österreichs verkündet. In diesem Moment sagte der Moderator Andi Knoll: "Jetzt hat uns die den Schas g’wonnen." Herausgerutscht? Ein Versprecher? Eine Verunglimpfung des Song Contests?

Mit Schas oder häufiger Schoas - mit langem a nur in Wien, in Klagenfurt und in Teilen Tirols - ist im wörtlichen Sinn eine Darmblähung gemeint, übertragen wird damit eine Kleinigkeit oder etwas Unsinniges bezeichnet. Schas ist eine Nebenform von Scheiße und hat dieselben Wurzeln. In jenem Mundartgebiet, das große Teile Österreichs und Bayerns umfasst, unterscheidet man zwischen Schas/Schoas (= Darmblähung) und Scheißdreck (= Kot).
Aber inzwischen hat sich bei uns auch das Wort Scheiße eingebürgert, wir empfinden es schon als heimisch.

Die Schas-Äußerung von Andi Knoll hat noch eine zusätzliche Dimension. Sie war ein Zitat. Im Jahr 2011 soll die aus Tirol stammende Song-Contest-Teilnehmerin Nadine Beiler gesagt haben: "I hol euch twelve points von überall und g’winn euch den Schas." Leider landete sie nur auf Platz 18. Zuvor dürfte die Wiener Hardrock-Band "Alkbottle" ein ähnliches Versprechen abgegeben haben.

Ich halte die Herkunftsgeschichte für bedeutsam, weil Andi Knolls Worte vermutlich eines Tages in einem Atemzug mit Edi Fingers
"I wer narrisch!" genannt werden. Und dann wird es wichtig sein, den ironischen Charakter im Auge zu behalten. Andi Knoll wollte jene beschämen, die den Spruch zuvor verwendet hatten: Ihr habt nur groß geredet, Conchita Wurst hat das Ding für uns geholt.

Leider beendete der ORF gleich nach der Siegerehrung die Übertragung. Wer eine Nachberichterstattung sehen wollte, musste zur ARD wechseln. Dort moderierte Barbara Schöneberger eine "After-Grand-Prix-Party". Sie trug eine goldene Robe wie Conchita Wurst, hatte sich einen Bart ans Kinn gepickt und meinte: "In Österreich wird man jetzt sagen: Scheiß die Wand an!"

Schon wieder etwas Skatologisches. Allerdings habe ich diese Phrase in Österreich noch nie gehört. Erst beim Sammeln von Tabuwörtern für mein "Unanständiges Lexikon", das in Kürze erscheinen wird, bin ich jenseits unserer Grenzen auf diese Wendung gestoßen.
"Scheiß die Wand an!" ist in einigen Regionen Deutschlands in Gebrauch und bedeutet so viel wie: "Ach, was soll’s! Ist mir auch egal!"

So hat es allerdings Frau Schöneberger nicht gemeint. Sie nahm eine Anleihe bei Luise Koschinsky - eine Kunstfigur, die der deutsche Komiker Hans Werner Olm kreiert hatte und die er selbst darstellte: mit schlecht ausgestopftem Büstenhalter unter dem Pullover. Die teils widerliche, teils ulkige Frau, auf Youtube in mehreren Sketches zu sehen, verwendete den Satz meist als Ausruf der Freude: "Scheiß die Wand an! Ist das nicht schön?"

Wenn Schöneberger die feinfühlige und gebildete Conchita Wurst mit einem weiblichen Prolo vergleicht, dann will sie offensichtlich
anti-österreichische Neidgefühle in Deutschland bedienen.