Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Im Zuge meiner Arbeit am Buch "Das unanständigen Lexikon. Die Tabuwörter der deutschen Sprache" bin ich wieder einmal auf Sigmund Freud gestoßen - seine Definition, was ein Tabu ist, diente mir dazu, den Themenbereich praktikabel abzugrenzen.

Laut Freud ist alles ein Tabu, was entweder heilig oder unrein ist. "Heilig" bezieht sich beispielsweise auf blasphemische Flüche: Aus "Herr Jesus" und "O Jesus" wird "Herrje" und "Oje", aus "Sakrament" wird "Sackerment" oder gar "Sacklzement". Außerdem war es früher ein Tabu, den Namen des Teufels auszusprechen. Daher entstanden Verballhornungen wie "Deibel" oder "Deixel" und verhüllende Ersatzausdrücke wie "der Leibhaftige" oder "der Gottseibeiuns".

"Unrein" bezieht sich für Freud auf den fäkalen und auf den sexuellen Bereich. Auch hier wird tabuisiert. Für die männlichen Geschlechtsorgane werden Ersatzausdrücke verwendet: "das beste Stück", "die Kronjuwelen", "der Familienschmuck".

Manchmal kommen wir durcheinander und es entsteht ein Freudscher Versprecher. Der folgende Text Freuds wurde 1913 in der "Internationen Zeitschrift für Psychoanalyse" veröffentlicht. Man sieht, wie gut der Vater der Psychoanalyse formulieren konnte. Würde Freud in unserer Zeit leben, wäre er wohl häufig Gast in Talkshows.

"Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr mädchenhaftes Aussehen besorgte Frau den häufigen Geschlechtsverkehr nur ungern gestattet, erzählte mir folgende nachträglich auch ihn und seine Frau höchst belustigende Geschichte: Nach einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot seiner Frau wieder einmal übertreten hat, rasiert er sich morgens in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer und benützt dabei - wie schon öfter aus Bequemlichkeit - die auf dem Nachtkästchen liegende Puderquaste seiner noch ruhenden Gattin. Die um ihren Teint äußerst besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehrmals verwiesen und ruft ihm darum geärgert zu: ,Du puderst mich ja schon wieder mit deiner Quaste!‘ Durch des Mannes Gelächter auf ihr Versprechen aufmerksam gemacht (sie wollte sagen: du puderst dich schon wieder mit meiner Quaste), lacht sie schließlich belustigt mit."

Zur Erläuterung dieses Textes fügte Freud hinzu: ",Pudern‘ ist ein jedem Wiener geläufiger Ausdruck für koitieren, die ,Quaste‘ als phallisches Symbol kaum zweifelhaft."

Freud erkannte offensichtlich, dass das Wort pudern nur in Österreich in Gebrauch ist. Schon in Bayern hätte man den Text nicht verstanden. Vor kurzem schickte mir eine Leserin per E-Mail ein Foto, das sie in München aufgenommen hatte. Im Schaufenster einer Bäckerei hatte sie ein Schild gesehen, das ein Wiener Bäcker sicherlich nicht in die Auslage hängen würde: "Angebot der Woche - 3 Stück gepuderte Krapfen nur 2 Euro."

Das Wort pudern dürfte auf buttern zurückgehen: mit dem Stössel im Butterfass rühren. Und was bei uns Staubzucker heißt, nennt man schon in München Puderzucker. Über die Bedeutung von Krapfen ließe sich eine eigene Kolumne schreiben.