Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Ein altes Beispiel für einen Bedeutungswandel ist das Adjektiv gotisch. Der ursprüngliche Wortsinn war neutral: zum Volk der Goten gehörig. Allerdings bedeutete später im Italienischen gotico so viel wie fremdartig, barbarisch. Im Mittelalter kam es auch im Deutschen zu einer Bedeutungsverschlechterung. Das Adjektiv gotisch wurde immer häufiger in einem negativen Sinn gebraucht:
altertümlich, geschmacklos.

Gotik als Bezeichnung für einen Baustil ist in der Renaissance von dem italienischen Kunsttheoretiker Giorgio Vasari geprägt worden. Er wollte die Minderwertigkeit der gotischen Kunst im Vergleich zur antiken Kunst zum Ausdruck bringen. Heute teilen wir diese Meinung nicht, allerdings lebt die Bezeichnung weiter, und sie hat schon längst ihren negativen Klang verloren. Einen ähnlichen Bedeutungswandel macht gerade das Wort Politik und sein Adjektiv politisch durch. Mit dem griechischen Ursprungswort wurde die Kunst der Staatsverwaltung bezeichnet. Über das Lateinische und Französische gelangte das Wort ins Deutsche. Man verstand darunter zunächst nur das Handeln von Parteien, Parlamenten und Regierungen - deren Entscheidungen bezeichnen wir als politisch.

Das im Dudenverlag erschienene "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" verzeichnet eine Bedeutungsvariante jenseits der eigentlichen Politik: taktierendes Verhalten, zielgerichtetes Vorgehen. "Welche Politik betreibt meine Mutter mit diesem Brief?" So konnte man es Mitte der siebziger Jahre in Franz Innerhofers Buch "Schattseite" lesen. Der Ausdruck hat sich also vom Handeln der Parteien, Parlamente und Regierungen losgelöst, er kann auch im zwischenmenschlichen Bereich verwendet werden.

Neu und im "Großen Duden" noch nicht dokumentiert ist eine klar negative Bedeutung. Wenn sich beispielsweise jemand am Arbeitsplatz durch eine Entscheidung seines Chefs benachteiligt fühlt - weil etwa ein anderer Mitarbeiter die interessantere oder besser dotierte Position bekommen hat -, dann sagt er: "Es war eine politische Entscheidung". Und er meint: Ich bin das Opfer eines Ränkespiels geworden.

Als der Hollywoodstar George Raymond "Ray" Stevenson gefragt wurde, wie er sich gefühlt habe, als die Serie "Rom" eingestellt wurde, sagte er: "Ich glaube, es war eine politische Entscheidung. Bei unserem Sender HBO hatte ein Wechsel im Management stattgefunden. Sie wissen, wie das so ist."

Auch auf den Motorsportseiten ist das Wort in diesem negativen Sinn präsent. Dort kann man heute immer wieder lesen: "Im Moment gibt es zu viel Politik in der Formel 1." Natürlich ist nicht ein Einfluss politischer Parteien gemeint. Kritisiert werden die heimlichen Drahtzieher, die Vertreter der Automobilkonzerne oder die Seilschaften in den verschiedenen Führungsgremien dieses Rennsportspektakels. Als unlängst der Ferrari-Chef gefeuert wurde, fand einer seiner Mitbewerber liebenswürdige Worte des Bedauerns: "Mit dem konnte man reden, ohne dass daraus gleich Politik wurde."

Die neuen Bedeutungen scheinen sich unter englischem Einfluss im Deutschen auszubreiten. Da die Politikverdrossenheit zunimmt, passen sie in unsere Gedankenwelt.