Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Überwiegend positive Reaktionen hat die Broschüre "Österreichisches Deutsch als Unterrichts- und Bildungssprache" ausgelöst. Die Kommentatoren der österreichischen Tageszeitungen begrüßten die Initiative der Bundesministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Endlich stehen den Lehrern Materialien für den Unterricht zur Verfügung - samt einem Memory-Spiel zum Wortschatz in Österreich, Deutschland und der Schweiz sowie einem Kartenspiel mit Sprachthemen.

Die einzige nennenswerte Kritik kam von der Universität Graz. Assistenzprofessor Rudolf Muhr prangerte im Gastkommentar einer Tageszeitung an, dass die Broschüre nicht offensiv genug das Thema angehe. Außerdem missfiel ihm der definitorische Ansatz. Die Broschüre hält sich nämlich an das, was heute als der sprachwissenschaftliche Mainstream angesehen wird: Das "österreichische Deutsch" ist eine Varietät der deutschen Sprache - es wäre falsch, von einer "österreichischen Sprache" zu reden.

Muhr sympathisiert hingegen mit dem Konstrukt einer "österreichischen Sprache". Es sei zwar "formal richtig", dass es "Österreichisch" als Sprache nicht gibt, schreibt er, aber "de facto" entspreche das nicht der Sprachwirklichkeit. "Eine Suche auf Google ergibt 500.000 Treffer, in denen diese Sprachbezeichnung vorkommt und von Menschen verwendet wird, um ihre ,Normalsprache/Alltagssprache‘ zu kennzeichnen." Ich weiß nicht, wie man suchen muss, um auf diese Zahl zu kommen, bin aber sicher, dass die Mehrheit der Österreicher der Meinung ist, dass es nur eine deutsche Sprache gibt, die in den verschiedenen Ländern verschiedene Ausformungen erfahren hat.

Und wie verhält es sich mit dem Begriff "österreichischen Deutsch"? Die einen verstehen darunter jeden wie immer gearteten Sprachgebrauch in Österreich, von den Mundarten über die Umgangssprache bis hin zur Standardsprache. Die anderen meinen damit die österreichische Standardsprache allein.

Im Herzen bin ich so wie Muhr ein Anhänger der ersten Definition, denn gerade das Mundartliche und Umgangssprachliche ist ein Wesenselement unseres Sprachgebrauchs. Im Unterricht an unseren Schulen muss allerdings klar zwischen diesen Sprachebenen unterschieden werden, sonst sind die Schüler nicht reif für den Eintritt ins Berufsleben - daher auch der Titel der Broschüre. Und der Fremdsprachenunterricht österreichischer Institutionen im Ausland muss sich erst recht auf den österreichischen Standard stützen.

Alle Österreicher, die im Ausland Deutsch lehren oder lernen, sind immer wieder mit dem gleichen Problem konfrontiert: Unsere Standardsprache wird als Dialekt eingestuft. Die Austriazismen im Kulinarischen lässt man sich auf der Zunge zergehen, aber "abendessen" wird auf "zu Abend essen" ausgebessert und "Türschnalle" auf "Türklinke". Dabei handelt es sich bei diesen heimischen Ausdrücken um Wörter der höchsten Sprachebene.

Wenn das Bildungsministerium eine Broschüre über den Sprachgebrauch in Österreich herausgibt, dann muss es wohl oder übel - auch wenn es Muhr missfällt - Wörter wie "Herzbinkerl" und "Ungustl" als umgangssprachlich markieren. Wie es übrigens auch das "Österreichische Wörterbuch" tut.