Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

So kann man sich irren. Ich habe geglaubt, das Wort Shitstorm ist eins zu eins aus dem Englischen ins Deutsche übertragen worden. Aus aktuellem Anlass - der Shitstorm gegen die Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und gegen die Sängerin Christina Stürmer - habe ich mich mit der Geschichte des Wortes intensiver auseinandergesetzt.

Wenn es um Neologismen geht, ist das Internetlexikon Wikipedia zuverlässig. Dort lese ich, dass Shitstorm zwar aus dem Englischen stammt, im Ursprungsland aber eine andere Bedeutung hat.

Wir verstehen ja darunter Schmähungen, Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen, und zwar in Blogbeiträgen, Twitternachrichten oder Facebookmeldungen. Eine Art Sturm der Entrüstung, bei dem Menschen ihren negativen Emotionen freien Lauf lassen - meist unter dem Deckmantel der Anonymität. Shitstorm ist also in der deutschen Sprache ein Internetphänomen. Im Englischen bezeichnet das Wort hingegen ganz allgemein eine unangenehme Situation.

Die erste gedruckte Verwendung findet sich laut Wikipedia in Norman Mailers Roman "Die Nackten und die Toten". Dort steht "shit storm" für eine brenzlige Gefechtssituation im Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich also um einen Ausdruck der amerikanischen Soldatensprache. In Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" bezeichnet das Wort eine chaotische Situation im Allgmeinen.

Alle Versuche, das Wort Shitstorm einzudeutschen, müssen wohl als gescheitert betrachtet werden. Die Kritiker der Anglizismen probierten es mit "Netzhetze", aber ohne Erfolg. Das Fäkale im Wort Shitstorm dürfte dazu beitragen, dass es als kraftvoll und als passend eingeschätzt wird.

Das Gegenteil von Shitstorm ist Candystorm, doch ist dieser Ausdruck weit weniger bekannt. Als eine Gruppe innerhalb der deutschen Grünen ihre Spitzenpolitikerin Claudia Roth via Twitter unterstützte, tauchte das Wort häufig in der deutschen Presse auf.

Shitstorm ist die eine Seite der sozialen Netzwerke, der Candystorm wird gern übersehen. Das führt dann dazu, dass Kulturpessimisten im Internet nur das Böse sehen. Ich halte das für falsch. Mit dem gleichen Argument könnten man die Printmedien und das Radio verteufeln, weil sie bei der Verbreitung von Nazi-Propaganda eine wichtige Rolle spielten.

Die sozialen Netzwerke haben ihre guten Seiten, man denke nur an Avaaz, das größte und einflussreichste Netzwerk für Online-Aktivisten, eine völlig neuartige Bürgerbewegung. Die Mitglieder von Avaaz haben sich beispielsweise dafür eingesetzt, die Korruption in Indien, Italien und Brasilien zu bekämpfen, die Weltmeere, Regenwälder und bedrohte Arten zu schützen und die Demokratiebewegung im Arabischen Frühling zu unterstützen.

Ich plädiere für Gelassenheit. Wenn Tausende ihre Gemeinheiten absondern, heißt das ja noch lange nicht, dass Zehntausende oder Hunderttausende es lesen. Wer liest schon eine ewig lange Serie von Postings, die alle nach demselben Muster gestrickt sind? Erst wenn die Printmedien über einen Shitstorm ausführlich berichten, gespickt mit den schlimmsten Zitaten, entsteht jene Wirkung, die sich die Verfasser gewünscht haben.