Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Es ist Zeit, über symbolische Politik zu sprechen. Denn diese kann man derzeit in Österreich in Reinkultur beobachten. Etwa bei der Kontroverse um das Binnen-I. Bei symbolischer Politik geht es nicht um die Fahne oder um die Hymne - außer die Hymne wird zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Indem man zum Beispiel etwas singt oder nicht singt, etwas auslässt oder eben nicht auslässt. Erst da, erst in der Auseinandersetzung setzt ein, was man symbolische Politik nennt.

Es gibt da ein gängiges Missverständnis - das Missverständnis, dass symbolisch gleich Schein sei. Gemeinhin sagt man abfällig, etwas sei nur symbolische Politik und meint damit, es sei keine richtige, keine wirkliche Politik. Man neigt ja dazu, alles was handfest ist - etwa Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen - als echte Probleme anzusehen, während Frage wie das Binnen-I oder die Töchter in der Hymne als unwichtig abgetan werden. Sibylle Hamann hat in einem klugen Kommentar die Frage: "Haben wir keine wichtigeren Probleme?" als "Keule" bezeichnet. Denn damit könne man alles abtun. Wir hätten, so Hamann, wichtigere Probleme, diese aber würden nicht dadurch gelöst, dass wir die kleineren Probleme beiseite wischen.

Ich würde da noch weiter gehen. Denn symbolische Politik bedeutet, dass Fragen wie das Binnen-I oder die Töchter in der Hymne keine kleinen Probleme, keine Nebensächlichkeiten mehr sind. Nicht ob ihrer eigenen Wichtigkeit. Aber wenn solche gesellschaftlichen Anlässe akut werden, dann wird die Unterscheidung wichtiges oder unwichtiges Problem obsolet. Denn akut werden heißt, dass solche Fragen keine Nebenschauplätze mehr sind. Akut werden heißt, dass solche Fragen zu den Schauplätzen werden, an denen gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden. Da geht es nicht mehr um große oder kleine Probleme. Die Töchter in der Hymne oder das Geschlecht in der Sprache haben es zum Symbol gebracht - das heißt zum "Terrain", auf dem unser Gesellschaftsbild, auf dem gesellschaftliche Fragen wie die Geschlechterordnung verhandelt werden. Begriffe, Bilder, Handlungen werden zu Symbolen, wenn sie zu strategischen Orten werden, an denen die gesellschaftliche Auseinandersetzung in die eine oder in die andere Richtung gelenkt wird.

Der sicherste Indikator dafür sind übrigens Emotionen. Denn symbolische Politik besteht darin, etwas zum politischen Symbol zu machen, es also mit politischer Bedeutung aufzuladen. Gelingt die Aufladung, dann gelingt es, Gefühle an das Symbol zu binden. Diese werden dann quasi zur Bühne für politische Emotion. Das ist nun per se noch nichts Schlechtes, denn genau so funktioniert die politische Auseinandersetzung in der Demokratie.

Nun ist aber solch eine Aufladung, wie man sich vorstellen kann, ein komplexer Vorgang. Und so ist der offene Brief zum Binnen-I ein Glied, ein Knotenpunkt in einer ganzen Kette: die töchterlose Hymne, das Wort vom "Genderwahnsinn", dem Einhalt geboten werden muss, das FPÖ-Plakat mit den "echten" Frauen. Der offene Brief mit den 800 Unterzeichnern rückt diese Kette von rechts außen in die Mitte der Gesellschaft und findet im Binnen-I seinen strategischen Ort, sein Symbol, anhand dessen die Geschlechterordnung neu aufgerollt werden soll.