Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Ich habe die Petition der 800 Germanisten, Lehrer, Schriftsteller etc. gegen das Binnen-I nicht unterzeichnet. Als ich gefragt wurde, begründete ich dies so: Ich möchte als Journalist über die Initiative objektiv berichten. Würde ich meine Unterschrift unter die Petition setzen, wäre ich ab sofort Partei.

Grob gesprochen geht es um zwei Fragen. Erstens: Sind Sie dafür oder dagegen, dass Frauen in der Sprache sichtbar gemacht werden? Zweitens: Sind Sie für oder gegen das Binnen-I?

Zur ersten Frage sage ich: Kommt drauf an. Nehmen wir an, ich schreibe: "Viele Lehrer kümmern sich aufopfernd um ihre Schüler." Dann sind sowohl die Lehrerinnen als auch die Schülerinnen gemeint. Es gibt also keinen Grund zu gendern: "Viele LehrerInnen kümmern sich aufopfernd um ihre SchülerInnen."

Wenn man Frauen sichtbar machen will, dann geht das so: "Viele Lehrerinnen kümmern sich aufopfernd um ihre Schüler." Gemeint wäre: Die männlichen Lehrer tun das nicht. (Das ist ein Mustersatz ohne realen Hintergrund.)

Auch in Briefen und Mails sollten Frauen sichtbar sein. "Liebe Genossinnen und Genossen!" So lautet eine traditionelle Anrede in der Sozialdemokratie. Wobei manche Wörter ohnedies neutral sind: "Liebe Vereinsmitglieder!"

Ein Sonderfall ist die Anrede "Liebe Freundinnen und Freunde!" Freundin bedeutet auch "Geliebte", weshalb viele diese Formulierung scheuen. Stattdessen wird häufig "Liebe alle!" verwendet. Nach den Rechtschreibregeln ist die Kleinschreibung richtig.

Zur zweiten Frage: Ich bin gegen das Binnen-I. Statt "Liebe LehrerInnen!" wäre die Paarform besser und höflicher: "Liebe Lehrerinnen, liebe Lehrer!" So viel Zeit muss sein. Aber das Binnen-I ist ja nur eine Form der Sichtbarmachung von Frauen, die anderen Methoden - Schrägstriche, Unterstriche, Klammern - sind nicht weniger problematisch. In Stellenausschreibungen sollten Frauen allerdings sehr wohl nach einer dieser Methoden sichtbar gemacht werden. Damit Frauen wissen: "Auch ich kann mich bewerben."

Zurzeit fliegen in der Genderdebatte die Hackeln tief. Die Gegner des Binnen-I werden ins rechte Eck gerückt, weil die Petition zuerst in der Zeitschrift des Vereins "Muttersprache" erschienen ist, eine Organisation, die aufgrund ihrer Ziele und ihrer Mitgliederstruktur als rechtskonservativ einzustufen ist. Eva Blimlinger wiederum, die Rektorin der Akademie der Bildenden Künste, unterstellt den Gegnern des Binnen-I, sie hätten nur eines im Auge: "Jetzt ist Schluss mit dem Feminismus!" Und im nächsten Atemzug weist sie darauf hin, dass auch die FPÖ gegen das Gendern ist. Die Schriftstellerin Julya Rabinowich erinnert in einer Glosse über das Binnen-I daran, welche Wellen vor der Einführung des Frauenwahlrechts hochgingen. "Wollen wir in solche Zeiten zurück oder nur in jene, als es noch das Familienoberhaupt gab, das über Frau und Kind bestimmen konnte?"

Ich behaupte: Wenn in der SPÖ, in der Arbeiterkammer oder in den Gewerkschaften eine Urabstimmung zu diesem Thema stattfände, gäbe es auch dort eine klare Mehrheit gegen das Binnen-I. Dort weiß man, dass die Gleichstellung nicht beim Binnen-I anfängt oder aufhört.