Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Im Moment haben sie mal wieder Hochkonjunktur. Überall tauchen sie auf, stellen sich breitbeinig vor ihresgleichen auf und fabulieren drauf los. Sie ziehen vom Leder, schlagen auf Nichtanwesende ein, verhöhnen Andersdenkende und dann, wenn ihre Suada zu Ende gegangen ist, lassen sie sich von ihren Gesinnungsbrüdern und -schwestern auf die Schulter klopfen. "Gut, dass das mal einer gesagt hat", hört man dann, oder "Ich danke Ihnen für ihren klaren Worte!" und auch "Toll, dass sie sich das trauen!". Worum es geht, ist eher zweitrangig, ob Ukraine-Konflikt, ob Gaza-Krieg, ob Integrationsdebatte, ob Binnen-I, ob Europäische Union oder ob veganes Essen im Kindergarten, erst wenn der Redner sein nach gleichförmiger Meinung lechzendes Publikum befriedigt hat, dann lobpreist man ihn für seinen "Mut".

Was hat er getan? Ist er als Schwarzafrikaner verkleidet durch Mecklenburg-Vorpommern gewandert und hat laut "Nazis raus!" gebrüllt? Oder zumindest durch einen FPÖ-Parteitag? Hat er sich im Superman-Kostüm auf die Gleise gestellt, um einen herannahenden Zug mit nur einer Hand aufzuhalten? Hat er nackt, lediglich mit einer rosa Schleife ums Geschlechtsteil, in Mekka auf der Straße getanzt? Nein? Schade, denn all dies wäre sehr mutig gewesen. Zum größten Teil ziemlich blöd, aber auch mutig.

Nun, all das hat unser Redner nicht getan. Im Gegenteil, er hat sich keinerlei Risiko ausgesetzt, er hat sich vor der Gemeinschaft der ebenso Denkenden erregt. Er hat sich so richtig ausgespieben. Wahrscheinlich hat er unliebsame Fakten unter den Tisch fallen lassen, Vergleiche an den Haaren herbeigezogen, grobe Auslassungen gemacht und oft die Formel "Das wird man doch hoffentlich noch sagen dürfen" verwendet. Eine Formulierung, die in Klarsprache übersetzt bedeutet: "Das wird ja hoffentlich bald verboten werden, dem, was ich hier sage, zu widersprechen." Ob im Wirtshaus, im Sportverein, in der geselligen Runde oder im Internet. Der mutige Redner hat sich im Rahmen seines Biosphären-Reservats, in seiner geschützten Werkstätte der Gleichgesinnten erregt und ist jetzt stolz darauf, wie "mutig" er war.

Denn dieser Mut ist ganz wichtig, da unser Redner vor allem eines hat: Angst. Angst vor dem "Tugendterror", dem "Islamismus", der "jüdischen Weltverschwörung", dem "Gender-Wahn", den "Illuminaten und Freimaurern", dem "Ausland", den "Ungläubigen", den Frauen, den Fahrradfahrern oder Balkonen, die in einer ihm unliebsamen Weise geschmückt sind.

Andere Meinungen, abweichende Argumentationen und anders gezogenen Schlussfolgerungen scheut er wie der Teufel das Weihwasser. Differenzierungen oder der schlichte Erkenntnisprozess von These über Antithese zur Synthese sind ihm ein Gräuel, weil dann hätte er ja nicht mehr recht. Aber das möchte er unbedingt haben. Und wenn das nicht geht, wird er ungehalten, aggressiv und verlässt - im Zweifelsfall - das Fernsehstudio.

Denn sein Wunsch nach einer allgemeingültigen, einzigen Wahrheit ist so groß, dass er sich dafür auch gern einer verwirrenden, mehrdeutigen, vielstimmigen Wirklichkeit entzieht.

Und das ist natürlich nicht mutig, sondern ziemlich feig.