Seit drei Jahren habe ich in meinem Garten eine aus China stammende Pflanze, die Jiaogulan heißt und mir mit dem Beinamen "Kraut der Unsterblichkeit" vorgestellt wurde. Angeblich gibt es im Süden Chinas eine Gegend, in der statistisch auffällig viele Hundertjährige leben, die täglich ein bis drei Tassen Jiaogulan-Tee trinken.

Diese zur Kürbisfamilie gehörende Rankpflanze wächst auch in unseren Breiten recht unkompliziert. In den vergangenen Jahren habe ich dennoch nichts von Jiaogulan gehabt, weil die Schnecken ganz wild auf dieses in der Wirkung mit Ginseng vergleichbare Gewächs sind: Eine Woche nach dem Auspflanzen war keines der aus fünf Einzelblättchen bestehenden Blätter mehr vorhanden. Kurz darauf waren auch die feinen, aber zähen Ranken weg. Schnecken konnten dem oder der Jiaogulan wohl nicht widerstehen.

Die Pflanze trieb immer wieder aus. Auch wenn ich dachte, nun ist wirklich nichts mehr übrig, weil auch eine Wühlmaus von unten an der Wurzel herumgegraben hatte, zeigte sich abermals ein durchscheinendes Blättchen, das allerdings bald wieder von den Schnecken verspeist war. Diese Tortur überlebt die winterharte Pflanze nun schon den dritten Sommer. Weil ich die Wohltaten dieses Krautes nicht den Schnecken allein überlassen wollte, kaufte ich mir noch ein Exemplar, das auf der Terrasse in einem Blumentopf sehr gut gedeiht. Ich esse nun jeden Tag ein Blatt vor dem Frühstück. Dieser Tage habe ich mir auch eine Tasse Tee gemacht und kann den herben, aber nicht bitteren Geschmack empfehlen.

Helfen soll das Kraut der Unsterblichkeit bei der Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf- und Krebs-Erkrankungen. Andere Quellen rühmen die tonisierende Wirkung und die Stärkung der Immunabwehr. Eine alte Dame hob hervor, dass man sich an die körperlichen Veränderungen, die das Älter- und Altwerden bedeuten, mit Hilfe dieser adaptogenen Pflanze leichter gewöhnt. "Adaptogen", das kennt der Duden nicht, aber in der alternativmedizinischen Szene bezeichnet das Wort eine Droge, die hilft, Anpassungstress zu bewältigen.

Ich selbst kann alle diese Wirkungen (noch?) nicht bestätigen. Weil ich den Gedanken aber schön finde, ein Kraut zu haben, das einem das Altwerden leicht macht, grase ich täglich am Kraut der Unsterblichkeit.

Meinem ewigen Widersacher im Garten, der spanischen Wegschnecke, gönne ich diese Wohltaten nicht. Mag das Tier auch von ein paar Blättchen nicht gleich unsterblich werden, so kann ich einer allfälligen Lebensverlängerung, wie man sie an menschlichen Jiaogulan-Teetrinkern in China, Japan und Thailand beobachtet, nicht tatenlos zuschauen: Ich ersteche es sozusagen in Notwehr mit dem Gartenmesser. Dagegen ist noch kein Kraut gewachsen.

Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.