Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Es ist laut, "bärig guat" drauf und tendenziell bunt gekleidet. Denn es ist sehr sportiv. Und wenn man sehr sportiv ist, muss man bunt gekleidet sein, damit man sich vom Hellbraun der Kühe und vom Dunkelbraun, das die Skipisten im Sommer tragen, gut abhebt. Damit jeder gut erkennen kann, dass man gerade sehr sportiv ist. Manchmal ist es auch schlammbespritzt, wenn es vom Mountainbiken heimkehrt, oder ordenbehangen, wenn es vom Schützenverein kommt. Ja, so ist es: das Bergvolk.

Aber das Bergvolk ist auch enorm rührig. Unablässig tätig. Von Wildbienen-artigem Fleiß. Ständig baut es am, um oder im Berg herum: Sessel- oder Schlepplifte, Gondelbahnen oder Beschneiungsanlagen, Flutlichtanlagen oder Berg-, Tal- und Mittelstationen und natürlich jede Menge Tunnel. Denn dazu ist der Berg ja da. Er will durchlöchert werden, bearbeitet, behauen, wie ein riesiger Felsbrocken, dem man, wie ein Bildhauer, erst das Kunstwerk, das in ihm schlummert, entreißen muss. Damit er endlich einmal dieses Full-service-all-inclusive-happy-holiday-fun-event wird, das das Bergvolk dem herbei eilenden Flachländler aus der ganzen Welt servieren kann. Und dazu hat das Bergvolk auch kulturell einiges zu bieten. Denn neben dem Apres-Ski, der Tabledance-Bar "Chez Nous" und dem Etablissement "Monika" drei Kilometer weiter im Tal drinnen, pflegt das Bergvolk - sobald es sich in geschlossenen Räumen aufhält - den außerordentlichsten Musikgeschmack der Welt: Shakin’ Stevens und die neverending Eighties, dazu die erfolgreichsten Schlager der Neunziger, der Nuller und das Schrecklichste von heute, alles versehen mit Texten, in denen "Bäume" auf "Träume", "Glück" auf "zurück" und "berühren" auf "inhalieren" gereimt wird. Und zwar so oft, dass in einem der Wunsch aufsteigt, ein Andreas-Gabalier-Konzert zu besuchen. Nur dann wird tatsächlich auch noch Andreas Gabalier gespielt, und dann überlegt man sich, ob man nicht seine Staatsbürgerschaft einem syrischen Flüchtling schenken sollte.

Das Bergvolk aber kennt derlei Gedanken nicht. Nein, es freut sich einfach an Schnaps, Hütten-Gaudi und an komplizierten Beinbrüchen seiner Gäste. So ist es!

Oder aber es scheint nur so zu sein.

Denn in Wahrheit treffen sich die Menschen in den Bergen vielleicht in einer Zeit, die anderswo "November" oder "April" genannt wird, hier aber "Zwischensaison" heißt, in diesem einen, für Touristen unauffindbaren, geheimen Ort. Tief unten im Berg sitzen sie zusammen, tragen schwarze Rollkragenpullis, hören Jazzplatten und rauchen selbstgezogenes Alm-Gras. Und plötzlich - nach Stunden der stillen Einkehr mit Charlie Parker - hebt der Oberbauer seinen Blick von dem ledergebundenen Band von Kants "Kritik der reinen Vernunft" und sagt: "Huach her, Unterbauer! Die Ordnung und Regelmäßigkeit an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hineingelegt."

Und der Unterbauer sagt: "Jo, do hascht wieda amoi recht, Oberbauer. Aber des kannscht die Dodln aus der Stadt no so oft dazöhn. Die varstengan des nit."