Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

In der Berichterstattung über die Ukraine-Krise taucht das Wort immer öfter auf. Dabei ist es nicht neu. "Der Begriff Putinversteher kursiert seit gut zehn Jahren in den deutschen Medien, jedenfalls schon fast so lange, wie Wladimir Putin in Russland regiert", schreiben Matthias Bröckers und Paul Schreyer in ihrem Buch "Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren". Populär sei der Ausdruck durch einen Leitartikel von "Spiegel"-Redakteur Christian Neef geworden. Dieser habe 2011 in einer Überschrift von der "Arroganz der Putinversteher" gesprochen.

Problematisch ist laut Bröckers/ Schreyer die Unterstellung, die damit transportiert wird - man dürfe jemanden wie Putin im Grunde gar nicht verstehen. "Da ist zu fragen: Warum nicht? Denn natürlich bedeutet Verständnis nicht automatisch Zustimmung oder Akzeptanz. Verstehen geht aber einher mit einem Perspektivenwechsel, also der Fähigkeit, sich gedanklich in das Gegenüber hineinzuversetzen, um dessen Motive zu begreifen."

Auch der Liedermacher Konstantin Wecker hat vor kurzem in einem zornigen Statement die Stimmungslage in Deutschland kritisiert. Die Politik und die Medien würden versuchen, mit Erfindungen und Propaganda "ein friedliebendes Volk kriegslüstern" zu machen. Und weiter: "Man schimpft mich Putinversteher? Ja, gerne, das bin ich." Aber ein Versteher sei kein Liebhaber, kein Bewunderer, kein Fan, kein Verehrer. Ein Versteher versuche zu verstehen. Nicht mehr, nicht weniger. Konstantin Wecker leitet seinen Beitrag mit einem Zitat von Karl Kraus ein: "Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s gedruckt sehn." Zu lesen in "Die Fackel", Nr. 406, 1915.

Der Ausdruck Putinversteher ist wohl dem etwas älteren Wort Frauenversteher nachgebildet. Gemeint ist ein Mann, der sich Frauen gegenüber extrem einfühlsam und verständnisvoll gibt - das Wort hat einen stark ironischen Unterton. Es insinuiert, dass es ein derartiges Verständnis eines Mannes gegenüber den Bedürfnissen einer Frau nicht geben kann.

Genau das schwingt bei dem Wort Putinversteher mit. Sich in die Gedankenwelt Putins hineinzuversetzen, seine Motive nachzuvollziehen, sei gar nicht möglich. Manchmal ist stark verallgemeinert sogar von Russlandversteher die Rede. Als ob Putin und Russland ein und dasselbe wären.

Als Putinversteher werden inzwischen auch Helmut Schmidt, Giscard d’Estaing und Henry Kissinger wegen ihrer Aufrufe zur Mäßigung in der Ukraine-Krise bezeichnet. Der Ausdruck ist zu einer diskreditierenden Kampfvokabel geworden. Die einen werden als Putinversteher oder Russlandversteher beschimpft, die anderen als Kriegstreiber. "Die Diskussion über Putin macht beklommen", schrieb Christian Bangel vor Kurzem in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". "Ist es noch möglich, eine Position zur Ukraine zu beziehen, ohne als Russlandversteher oder als Kriegstreiber dazustehen?"

Die Polarisierung im Diskurs ist in der Tat bedrückend. Wenn man sich nur mehr Kampfvokabel an den Kopf wirft, ist eine sachliche Diskussion nicht mehr möglich.