Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Anlass für diese Kolumne war ein Gespräch des Schriftstellers Dietmar Grieser mit einem Redakteur dieses Blattes. Grieser wollte testen, ob das Wort "überhochmetzt" noch bekannt ist. Der Befragte meinte mit dem Ausdruck des Bedauerns, dass er das Wort nicht kenne.

Grieser stellte bei einer Feier zu seinem Geburtstag im PEN-Club die Testfrage erneut: mit einem ähnlichen Ergebnis - kaum jemand wusste mit dem Ausdruck etwas anzufangen. Die Frage wurde per E-Mail auch an mich herangetragen, verbunden mit der Vermutung, dass der Ausdruck aus dem Jiddischen entlehnt sei.

Zwar musste auch ich passen, aber ich war fortan vom Ehrgeiz beseelt, das Sprachrätsel zu lösen. Ich begann in diversen Wörterbüchern nachzuschlagen, im "Österreichischen Wörterbuch", im "Großen Wörterbuch der deutschen

Sprache" des Duden, im "Wörterbuch der Wiener Mundart" von Maria Hornung - alles negativ. Selbst in dem sonst so hilfreichen "Kleinen Lexikon deutscher Wörter jiddischer Herkunft" von Hans Peter Althaus war das Wort nicht zu finden.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als Belegstellen in den Medien zu suchen. Vielleicht lässt sich daraus eine Bedeutung herausfiltern?

In einer Ausgabe der "Berliner Zeitung" aus dem Jahr 2004 wird berichtet, dass der Theaterintendant Bernd Wilms die Teilnahme an einer "überflüssigen und überhochmetzt zusammengetrommelten Anhörung" im Kulturausschuss verweigert hat.

Auch eine "Spiegel"-Reportage aus dem Jahr 1971 liefert eine Belegstelle. Dort werden die Fahrgäste der New Yorker U-Bahn so beschrieben: "(. . .) lauter Exoten, vereint allenfalls im stumpfsinnigen Geschaukel des rollenden Geräts, lauter Artisten, könnte man denken, Fahrende auch im übertragenen Sinne des Wortes, glutäugig, überhochmetzt, mit flatternden Sinnen . . ."

Es entsteht der Eindruck, dass überhochmetzt als Partizip zu einem Verb überhochmetzen gehört. Dieses ist noch schlechter belegt. Man muss im "Spiegel"-Archv bis zum Jahr 1952 zurückblättern. Dort lese ich, dass Bobby E. Lüthge, ein Fließbandproduzent von seichten, aber erfolgreichen Drehbüchern, einmal über seine jüngeren Kollegen etwas spöttisch meinte: "Sie verspielen einen Stoff, überhochmetzen ihn, und so wird es schließlich Kabarett."

Um ein Wort gut zu verstehen, sollte man seine Herkunft kennen. In solchen, fast hoffnungslosen Fällen, hilft mir ein Anruf bei Thomas Soxberger. Er ist nicht nur ein profunder Kenner des Jiddischen und des Hebräischen, sondern auch der Etymologien. Ich erfahre, dass das Verb hochmetzen auf jiddisch chochme mit der Bedeutung Weisheit zurückgeht. Das hebräische Ursprungswort ist chochma. Im Jiddischen hat sich die Nebenbedeutung Witz, Pointe herausgebildet. Wer chochmetzt, der bedient sich einer pointierten Ausdrucksweise, wer überchochmetzt, der redet obergescheit daher. Gemeint ist also auch: eine Sache zwanghaft und besserwisserisch in die Höhe treiben - vermutlich wird deshalb die hebräische Wortwurzel oft zu "hoch" uminterpretiert. Und überhochmetzt bedeutet vielerlei: übertrieben, obergescheit, exaltiert . . . Verwenden wir doch dieses Wort! Dann wird es nicht aussterben.