Bisher hat mich noch nie jemand gefragt, auf welche Weise man eigentlich Wichtigtuer entlarven kann. Da ich mit vielen Wichtigtuern zu tun gehabt habe, hätte ich natürlich eine Antwort geben können. Jetzt gebe ich die Antwort einfach ungefragt. Es könnte ja doch wichtig sein, und die Entlarvung ist nicht ganz so leicht. Wichtigtuer pflegen nämlich eine semantische Strategie, ohne dass es jemand merkt - die blitzschnelle Umdeutung jeglichen Themas zu einem Accessoire persönlicher Lebenserfahrung.

Das Gegenteil also vom Einstieg in diese Kolumne, der, wie wohl deutlich geworden sein wird, von großer Bescheidenheit geprägt ist. Um wichtig zu erscheinen, hätte ich schreiben müssen "Ich werde oft gefragt, auf welche Weise . . ."

Oft gefragt: ein gefragter Mensch also, dem man ein Urteil zutraut. Wer da fragt, ist unerheblich, denn diese Formulierung dokumentiert breites Interesse.

Aber mit dieser Einleitung geht es erst los. Denn nun folgen Erfahrungen, die ihn zum gefragten Anlaufpunkt gemacht haben. Wieder schwer durchschaubar: Die Raffinesse dieses nächsten Schritts besteht im Eingeständnis früherer Fehleinschätzungen. Es ging in einem solchen Gespräch etwa um das Chaos des innerstädtischen Verkehrs, dessen Dichte zu erheblichen wirtschaftlichen Einbußen führt, weil durch Staus Termine nicht eingehalten oder Flugzeuge verpasst werden. Der Wichtigtuer hatte seine Lösung: Motorrad! Aber nicht einfach nur so, sondern als Einleitung zu einem weiteren Beleg der Wichtigkeit: seiner kosmopolitischen Erfahrung: "Im Grunde bin ich absolut kein Motorradfan. Aber ich sage Ihnen, mit diesen neuen Motorradtaxis, die sie jetzt in Paris haben, kommen Sie mit Sicherheit pünktlich aus der Stadt nach Charles de Gaulle."

Sie sehen, das Modulsystem des Wichtigtuers ist perfekt, innovativ: Paris, Motorradtaxi! Sagt auch nicht einfach Flughafen; sagt Charles de Gaulle, was eben heißt: größter Pariser Flughafen und überhaupt, man kennt sich aus. Nebenbei: Paris, das ist etwas anders als etwa New York oder Peking, wo jeder Hansl Geschäfte macht. Und offensichtlich hat man dort in der Innenstadt residiert, was als Subtext mitformuliert ist, denn sonst müsste man nicht von der City nach CDG, wie Auskenner auch sagen.

Der große Fehler wäre nun, sich auf ein Gespräch über Hotelalternativen einzulassen, denn der Wichtigtuer wohnt selbstredend im Plaza Athénée oder ähnlichen Etablissements. Doch, wenn er einen Rat geben dürfe, nach hinten raus! In einem bestimmten Zimmer, das zwar nur den Blick auf die Rückwand eines gegenüberliegenden Gebäudes bietet. "Aber ich habe da meine Ruhe. Ich meine, ich bin sowieso den ganzen Tag in Besprechungen und muss ja bei all der Hektik . . ." Sie sehen: der Quellcode des Wichtigtuers hat eine simple Grundstruktur.

Was man nun tun kann, um so einen mit noch raffinierteren Strategien zu neutralisieren, könnte ich auch sagen. Aber mich fragt ja niemand.

Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.