Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Was wir dieser Tage nicht alles feiern: 25 Jahre Fall der Mauer! Also noch nicht, aber bald. Zumindest können wir aber schon dieser Tage der Worte gedenken, die Hans Dietrich Genscher am 30. September 1989 in der Prager Botschaft auf die - gerade noch - DDR-Bürger drauf gesprochen hat: "Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass ihre Ausreise..." Jubel! Trubel! Heiterkeit! Und bis heute kann man nur mutmaßen, wie dieser Satz wohl weiter gegangen wäre. Vielleicht wollte Genscher ja fortsetzen mit: "...durch militärische Sondereinsatzkräfte verhindert werden wird". Oder mit: "...Sie nicht in die BRD, jedoch in die Antarktis und nach Kamtschatka führen wird". Oder vielleicht sogar mit: "...mir sowas von am Arsch vorbei geht." Aber das wird auf ewig im akustischen Unbekannten der Geschichte verbleiben. Dass wir aber den Anfang dieses Satzes jedoch so gut kennen, liegt daran, dass jemand anderer auch noch Geburtstag hat: das Radio.

Zweifelsohne das wichtigste Medium des vergangenen 20. Jahrhunderts. Selbst wenn es ab den Fünfzigerjahren auch lästige Konkurrenz von der Flimmerkiste, dem Patschenkino also von der Glotze bekommen hat, so sind die markantesten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts doch alle akustisch ins kollektive Gedächtnis eingelagert.

Nicht nur Genschers Halbsatz, auch Schabowskis nach Grammatik suchende Antwort auf die Frage, wann die gerade verlesene DDR-Regierungsverordnung zur Reisefreiheit denn in Kraft treten würde: "Das tritt nach meiner Kenntnis...ist das sofort, unverzüglich", hat einem das Radio auf die innere Festplatte oder Schallplatte oder den eigenen Phonographen gespielt. Genauso wie 20 Jahre zuvor die Worte Neil Armstrongs "That’s one small step for man...(Rauschen)... one... (noch mehr Rauschen)...giant leap for mankind" , die Signale des Sputnik aus dem Weltall oder auch Kennedys Rede in Berlin, in der er freimütig bekannte "ein Berliner" zu sein, also - wie man bei uns sagen würde - ein Faschingskrapfen.

Überhaupt dieses Berlin! Schon 1948 wollte der Bürgermeister Reuter unbedingt, dass alle möglichen Völker "auf diese Stadt schauen" sollten. Und das so kurz nach dem Krieg, der ja auch von Berlin aus geführt wurde. Vielleicht ist das ja eine Faustregel, die man aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts extrahieren könnte: Schauen Sie auf Berlin, bevor Berlin auf Sie schaut.

Denn tatsächlich hat nur wenige Jahre vorher der berühmteste Österreicher der Welt in Berlin vor dem Reichstag verkündet, es würde "zurückgeschossen".

Und all diese historischen Momente und Momenterln hat uns das Radio gebracht. Und später - weil wir vielleicht noch gar nicht auf der Welt waren - für uns wiederholt.

Aber warum erzähl ich das alles? Genau, weil heute Welttierschutztag ist. Also der Tag des heiligen Franziskus. Ein Mann, der Gerüchten zufolge das Erbe seines Vaters ausgeschlagen hatte, um mit seinen Kumpels bedürfnislos in Armut zu leben und dabei mit Tieren zu sprechen. Quasi ein Hans Dietrich Genscher der Tierwelt. Woran man auch sieht, wie wichtig das Radio ist.

Denn wenn wir davon Aufnahmen hätten, könnten wir noch unseren Hunden davon erzählen.

Oder die uns.