Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

"I bin die Nagl Frieda von Rauris und i bin 75 Jahr’ alt. I bin mei’ Lebtag gern Wirtin g’wesn mit Leib und Sö’." So stellte sich die rüstige Frau vor. Sie beklagte die hohen Steuern des Staates, die teuren Kredite der Banken, die Landflucht, ließ sich in ihrer Suada weder vom Moderator noch vom Vizekanzler unterbrechen und meinte: "So kanns nid weidageh’!"

Prompt bekam sie von der Presse das Etikett Wut-Oma umgehängt - eine Weiterentwicklung des Ausdrucks Wutbürger, der vor einigen Jahren in Deutschland aufgekommen ist. Wikipedia nennt als ersten Beleg einen Essay des Journalisten Dirk Kurbjuweit in der Ausgabe Nummer 41/2010 des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Gemeint war der Angehörige eines bürgerlichen Milieus, der mit seinen Traditionen gebrochen und der Politik die Gefolgschaft aufgekündigt hat. Bei diesem Personenkreis handle es sich vornehmlich um ältere und wohlhabende Konservative, die sich mit Wut und Empörung gegen die als Willkür empfundenen Entscheidungen der Politik wenden.

Kurbjuweits Essay war sowohl auf die Anhänger Thilo Sarrazins als auch auf die Gegner von "Stuttgart 21" gemünzt, eine fragwürdige Verallgemeinerung. Aber da der Ausdruck nun einmal da war, hat man seine Bedeutung im Feuilleton in alle Einzelteile zerlegt. Wie wird man zum Wutbürger? Die Sorge, dass "die eigene Welt" untergeht, lässt Menschen an Staat und Gesellschaft zweifeln. Stehen Wutbürger automatisch rechts? Nein, aber sie haben keine starke parteipolitische oder ideologische Bindung. Sind sie renitent und spießbürgerlich? Ja, manchmal.

Einiges davon trifft auf Frau Nagl zu, aber so wohlhabend wie die deutschen Wutbürger ist sie nicht. Dass Gasthäuser mangels Nachfolge zusperren, empfindet sie als Problem, dass die Jungen aus dem Rauristal abwandern, als Katastrophe. Ihre Bindung zur ÖVP ist schwach geworden, aber sie lässt sich nicht von der FPÖ oder vom BZÖ einfangen. Sie empfindet ein pauschales Misstrauen "gegen die da oben". Den Vizekanzler Reinhold Mitterlehner liebt sie, weil er ihr zuhört, irgendwann, so sagt sie, wird sie auch noch die anderen Politiker "beim Krawattl nehmen".

Jetzt hat sie also ein Buch geschrieben und ist Kolumnistin der "Krone". Die erste Kolumne, übertitelt mit "Friedas Welt", zeigt, wie sie denkt. "Schon klar, dass Österreich in der EU ist und Frieden herrscht, aber das Volk hat entscheiden, dass es ein Heer will. Zum Beispiel auch, weil es den verzogenen Muttersöhnchen guttut." Na bitte, der Sinn des allgemeinen Wehrdienstes. "Also sparen beim Heer, meinetwegen, aber nicht bei den Kasernen und tüchtigen Soldaten. Die Politiker sollen lieber mit den sauteuren Eurofightern wieder abfahren, die sowieso keiner haben wollte, die niemand braucht und die jetzt nicht einmal ordentlich funktionieren." Nein, nicht die Politiker generell, nur die Politiker der schwarz-blauen Regierung wollten sie haben. "Statt die Menschen auf dem Land, wo die Kasernen stehen, zu strafen, sollen sie die Flieger zurückgeben, und zwar rasch." So einfach ist die Politik einer Wut-Oma. Werner Faymann kann froh sein, dass sie nicht zu seiner Klientel zählt.