Worte kommen, werden "gehypet" und verschwinden dann wieder. "Menschlich" etwa, war mal in den Neunzigerjahren ganz groß. Alles war "menschlich" oder gar "unmenschlich". Dinge wurden im Sinne der "Menschlichkeit" entschieden, andere wegen ihrer "Unmenschlichkeit" angeprangert. Das war nicht immer gut und logisch, wenn es etwa um "unmenschliche Tierquälerei" ging, aber es war immer da. Doch plötzlich hatte es sich ausgemenschlicht. Heute gibt es noch da und dort "humanitäre" Katastrophen, aber das hat nicht mehr dasselbe echauffierende Erregungspotenzial. Dafür feiert ein anderer Begriff gerade fröhliche Urständ’: die Tradition.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Jedes angestaubte Bekleidungsfachgeschäft lässt "aus Tradition" auf seine Homepage schreiben, wo doch "aus Bangladesch" meist viel treffender wäre. Von Hintertupfing bis Gigritzbotschen entdeckt jeder Ortsverschönerungsverein plötzlich seine Tradition. Sei sie nun hundert, achtzig oder auch nur siebzehn Jahre alt. Egal, Hauptsach’ traditionell. Jeder Billigsdorfer-Schmäh lässt sich an den hirngewaschenen Konsumenten bringen, wenn er nur scheinbar etwas "Tradition" hat. Aber welche Tradition eigentlich?

Auf dem gerade zu Ende gegangen Oktoberfest in München konnte man etwa bei einem alten Schießstand auf Scheiben schießen, auf denen weiße, aber auch schwarze Männer zu erkennen waren. Besorgt fragte die "Süddeutsche Zeitung": "Ist das noch Tradition oder schon Rassismus?" Nicht weniger besorgt frage ich zurück: Warum eigentlich "oder"?

In Bayern, wie auch hierzulande, gibt es eben sehr, sehr lange Traditionen auf ganz unterschiedlichen Gebieten.

So hat Österreich etwa eine lange Tradition der Unterdrückung Andersdenkender: von den Jesuiten und der Gegenreformation über die Niederschlagung der Bauernkriege, die Verfolgung der Jakobiner und Freimaurer, das Metternich’sche Spitzelsystem, bis hin zum Ständestaat und zur Gestapo des NS-Regimes. Des hamma immer schon so g’macht.

Natürlich gibt es aber auch eine Tradition des Duckmäusertums. Wie sonst hätten sich die Habsburger über 600 Jahre der Herrschaft dieses Landstrichs erfreuen können, wenn es nicht hierzulande ein traditionelles Bedürfnis gäbe, sich den Mächtigen anzubiedern? Und war es früher die Krone, der man gefallen wollte, so ist es heute...- naja, viel hat sich eigentlich nicht geändert.

Und es gibt hierzulande den traditionellen Umgang mit Menschen, die "was nicht von hier sind" und "ka gscheids Deitsch net redn kennan". Die traditionelle Floskeln der Begrüßung dieser Menschen reichen hier von "Tschusch" über "Kimmetirk" bis zu "Bimbo", um mich auf die unauffälligsten zu beschränken.

Aber - bleiben wir fair! - natürlich gibt es auch ganz andere, zutiefst mitteleuropäische Traditionen bei uns: Metersaufen, Gnackwatschen, krankhafte Tierliebe oder den "guten, alten" Antisemitismus.

So ist es auch zu verstehen, wenn Bretto&Nutto-Verwechslungskünstler Hatschi Strache im selben Wortlaut wie die sogenannten "Identitären", im Internet postet: "Tradition schlägt jeden Trend". Denn der bestellt sich drei Bier und weiß genau, welche Tradition er meint.

Man könnte diese fast "unmenschlich" nennen. Aber das ist ja total out.