Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Vor kurzem hat das Normungsinstitut "Austrian Standards" bekanntgegeben, dass das Thema "geschlechtersensibler Umgang mit der Sprache" auch weiterhin nicht per ÖNORM geregelt wird.

Zur Erinnerung: Ein Komitee hatte im Frühjahr den Entwurf einer überarbeiteten ÖNORM vorgelegt. Dieser enthielt einerseits berechtigte Einwände zur Praktikabilität des Genderns in Lesetexten, andererseits auch polemische Formulierungen genereller Art. So dürfe den Lesern nicht ein "Buchstabensalat" präsentiert werden - "mit der Aufgabenstellung, sich selbst die passenden Teile zusammenzusuchen". Das sei "weder für die weibliche noch für die männliche Seite ein Zeichen von Wertschätzung".

Der Entwurf war rigid formuliert und strotzte vor Wendungen wie "ist falsch", "müssen sein" oder "sind zu beachten". Vermutlich war die Kommissionsvorsitzende Walburg Ernst eine treibende Kraft bei der Textierung - wie aus einem Interview hervorgeht, das in diesem Blatt am 19. März erschienen ist. Dort meinte sie auch, dass sich Frauen automatisch angesprochen fühlen, wenn "ein Taxifahrer" oder "ein Automechaniker" gesucht wird. Die empirischen Beweise dafür blieb sie schuldig, es gibt sie auch nicht.

Im Entwurf wurde gefordert, dass alle geschriebenen Texte "unmittelbar vorlesbar sein müssen". Aber eine Stellenanzeige mit dem Text "Wir suchen eine/n wissenschaftliche/n Mitarbeiter/in . . ." ist nur dazu da, gelesen zu werden. Niemand wird auf die Idee kommen, derartige Texte buchstabengetreu vorzulesen. Gerade bei Stellenanzeigen geht es darum, in knapper Form das Interesse an Bewerbern beiderlei Geschlechts deutlich zu machen. Der Entwurf klang also ganz anders als die entsprechenden Passagen im "Österreichischen Wörterbuch" - dort werden die verschiedenen Möglichkeiten des Genderns einfach aufgezählt. Im amtlichen Regelwerk wird das Binnen-I nicht erwähnt. Gegenderte Formen sind also weder falsch noch richtig.

Anfang September hatte dann Austrian Standards das Komitee aufgelöst, einen breit angelegten Diskussionsprozess eingeleitet und ein "Dialogforum" veranstaltet, das sogar live per Internet verfolgt werden konnte. Das alles ist wohl deshalb inszeniert worden, damit die Direktorin Elisabeth Stampfl-Blaha anschließend sagen kann: "Ein Normprojekt ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn dazu ein breiter Konsens erzielbar ist. In diesem Fall liegen die Positionen zu weit auseinander." War das nicht vorherzusehen? Man kann ihr den Vorwurf nicht ersparen, dass sie zu spät eingegriffen hat und dass sie ihr Institut in eine gesellschaftspolitische Auseinandersetzung hineingezogen hat. Wenn sie jetzt ein Komitee auflöst, weil es sich "schwerwiegender Verstöße gegen Grundregeln der Normungsarbeit" zuschulden kommen ließ, dann hätte sie ja mit demselben Argument die Versendung des Entwurfs verhindern können.

So kann sich jetzt eine Boulevardzeitung rühmen, dass sie "das umstrittene Binnen-I gekippt hat" - mit Hilfe ihrer Leser und gemeinsam mit prominenten Frauen, die dagegen waren: die Skirennläuferin Anna Fenninger, die Schauspielerin Dagmar Koller und die Rennfahrerin Susie Wolff . . .