Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".
Robert Sedlaczek ist Autor des Buches "Das österreichische Deutsch". Seit 2005 schreibt er für die "Wiener Zeitung".

Es gibt schwache Zeitwörter wie sagen / sagte / gesagt und starke wie springen / sprang / gesprungen. Unlängst habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass im Zuge der Sprachentwicklung starke Zeitwörter zu schwachen werden. Mein Beispiel war schalten, es wurde früher einmal schalten / schielt / geschalten gebeugt. Dann sind immer häufiger die schwachen Formen schalten / schaltete / geschaltet verwendet worden. Heute gelten die alten Formen in der Standardsprache als falsch, aber in der Umgangssprache hat sich eingeschalten erhalten: "Ist das Gerät auch wirklich eingeschalten?" Formen, die oft gebraucht werden, und dazu zählen jene im Perfekt, erweisen sich als widerstandsfähig gegenüber dem Änderungsdruck. Das selten verwendetete schielt wurde hingegen rasch von schaltete verdrängt.

Ein ähnlicher Fall ist jenes Zeitwort, das früher als backen / buk / gebacken reglementiert war. Die schwache Form backte hat das ältere buk völlig verdrängt, nur das alte Partizip II gebacken konnte sich behaupten. Eigentlich wäre die schwache Form gebackt zu erwarten gewesen, aber niemand verwendet sie. Es heißt weiterhin: "Sie hat mir einen Kuchen gebacken".

Ich befasse mich jetzt ein zweites Mal mit diesem Thema, weil mir "Wiener Zeitung"-Leser Dr. Anton Karl Mally ein passendes Gedicht geschickt hat. Der Verfasser ist Moritz Gottlieb Saphir, ein österreichischer Schriftsteller und Journalist, der sich mit bissigen Artikeln viele Feinde gemacht hat und ein Leben lang von der Zensur verfolgt worden ist. Außerdem hat er sich als Gegner von Johann Nestroy zu profilieren versucht. Das Gedicht trägt den Titel "Liebesleid": "Weil gar zu schön im Glas der Wein geblunken, / hat sich der Hans dick voll getrinkt. / Drauf ist im Zickzack er nach Haus gehunken / und seiner Grete in den Arm gesinkt. / Doch weil er gar zu sehr nach Wein gestinkt, / hat sie ganz mächtig abgewunken / und hinter ihm die Türe zugeklunken."

Als ich das Gedicht meine Frau vorgetragen habe, hat sie schallend gelacht. Dann ihr Einwand: "Wenn du das abdruckst, kennt sich niemand mehr aus." Daher meine Bitte: Streichen Sie das Gedicht aus Ihrem Gedächtnis! Um den Sachverhalt zu entwirren, liste ich in der Folge einige Zeitwörter auf, deren schwache Nebenformen populär geworden sind: erbleichte - erblich, erklimmte - erklomm, erschallte - erscholl, glimmte - glomm, haute - hieb, melkte - molk, saugte - sog, siedete - sott, speite - spie. Es liegt in der Natur der Sache, dass uns die starken Formen edler vorkommen, allerdings klingen sie geschwollen.

Der umgekehrte Fall, dass schwache Zeitwörter zu starken werden, tritt selten ein. Winken hat ursprünglich nur die Formen winken / winkte / gewinkt gehabt. Bereits im Mittelalter begann der Versuch, winken in die Reihe der starken Verben einzugliedern. In der Umgangssprache dominiert noch heute im Partizip II die starke Form gewunken . Auch die starke Form frug statt fragte hat sich nicht durchgesetzt. Abweichend von der normalen Flexion wünschen / wünschte / gewünscht ist bei uns auch das Partizip II gewunschen weit verbreitet.

Bald werden im Fernsehen wieder Skirennen übertragen, und ich höre schon den Hansi Hinterseer sagen: "Er hat das Tor nicht derwuschen." So ist es vor allem in Tirol zu hören. Unlängst habe ich einem Wiener von dieser Eigentümlichkeit erzählt. Er hat gemeint, der Beispielsatz müsse anders lauten: "Er hat den Ton nicht derwuschen."