Jetzt kommt wieder die "Wer-klopfet-an"-Zeit. "Wer klopfet an?" - "Oh zwei gar arme Leut! - "Was wollt ihr dann?" - "Oh gebt uns Herberg heut!". . . Nein, um Herberge fragen die Leute zum Glück nicht an, die bei mir vor der Tür stehen. Sie klopfen auch nicht an, sie bedienen die Hausglocke, was mich ein wenig irritiert aufhorchen lässt. Wer kann das sein? Ich erwarte keinen Besuch und auch kein Paket, der Briefträger war längst da, und die Stamm-Bettler kommen nur noch sporadisch, seitdem ich sie darauf hingewiesen habe, zu ihrem eigenen Nutzen zwischen ihren Besuchen einen angemessenen Zeitabstand einzuhalten. Auch die Zeugen Jehovas waren erst kürzlich da und ließen sich überraschend schnell mit dem Hinweis abfertigen, dass ich gerade vom Blutspenden komme und mich dringend hinlegen müsse. Sie machten auf der Stelle kehrt, bevor sie mich noch bekehren konnten.

Wer so unverfroren notlügt, ohne in großer Not zu sein, muss andererseits auch Freigiebigkeit zeigen. Deshalb weise ich meistens die Sammler nicht ab, die vor Weihnachten und dann um den Jahreswechsel herum an meiner Tür läuten, um für einen guten Zweck oder für Vereine wie Feuerwehr und Gemeindemusik zu sammeln. Dabei ergeben sich oft nette Gespräche, ich erfahre Neues aus dem Dorfleben. Trotzdem klingt ihr Läuten unangenehm.

Ich erinnere mich noch an die erschrockenen Blicke meiner Mutter, wenn es an der Haustür läutete und sie glaubte, Verwandte kämen zu Besuch, jene Verwandten, die sich nie anmeldeten, sondern mit dem Lächeln der Überzeugung vor der Tür standen, dass sie zu jeder Zeit und in jeder Situation herzlich willkommen wären. Das waren sie zwar meistens, jedoch nicht immer. Wenn es weniger passte, sah ich meiner Mutter an, wie sie im Geiste Fluchtmöglichkeiten erwog, bevor sie mit einem Seufzer die Tür öffnete.

Heute passiert es so gut wie nie, dass Verwandte unangemeldet vor der Tür stehen, sie fragen vorher telefonisch an, ob man zu Hause ist. Die netten Freunde, von denen man sich gern aufstören ließe, machen es genauso. Überraschungsbesuche sind aus der Mode gekommen. Sogar die Nachbarin ruft kurz an, wenn sie Backpulver oder die Bohrmaschine ausleihen möchte. Kein Wunder, dass man zusammenzuckt, sobald es an der Haustür läutet. Es klingt wie eine Alarmglocke, während das Läuten des Handys doch meistens sehr willkommen ist. Ah, die Welt hat nicht auf mich vergessen! Schon bin ich zu jedem noch so unsinnigen, zeitraubenden Gespräch bereit.

Kürzlich läutete die Tochter der neuen Nachbarn an der Tür und fragte, ob sie den Ball holen dürfe, der in meinen Garten gefallen war. Ich sagte ihr, sie dürfe ihn selbstverständlich holen, ohne vorher fragen zu müssen, aber sie läutet trotzdem, weil sie gern ein wenig plaudert und bei dieser Gelegenheit einen Fruchtsaft bekommt. Eine gute Entwicklung, ja fast eine Befreiung: Es läutet an der Tür - na und?

Irene Prugger, geb. 1959, freischaffende Schriftstellerin und Journalistin, lebt in Mils in Tirol.