Staatsoperndirektor Ioan Holender gehört zu den Personen, denen ich den Antifaschismus glaube.

Umso mehr verwundert mich jedes Jahr wieder zu Saisonbeginn eine antifaschistische Zeichensetzung, die Holender eingeführt hat: Die Präsentation der neuen Verhängung des Eisernen Vorhangs.

Holender argumentiert, dass die 1955 fertiggestellte Bemalung des Eisernen Vorhangs von dem NS-nahen Künstler Rudolf Eisenmenger stammt. Aber war Eisenmenger wirklich so NS-nahe, dass ausgerechnet er als Exempel dienen muss?

Es stimmt, dass sich Eisenmenger von den Nationalsozialisten fördern ließ. Es stimmt, dass Eisenmenger in der Zeit nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland Leiter des Wiener Künstlerhauses war.

Es stimmt aber auch, dass Eisenmenger sein Gehalt als Künstlerhaus-Chef an den mit Funktionsverbot belegten Altpräsidenten Josef Hegenbarth überwies. Es stimmt auch, dass die Künstlerhaus-Ausstellung "Junge Kunst im Deutschen Reich" auf behördliche Anordnung geschlossen wurde, weil Eisenmengers Auswahl der nationalsozialistischen Ästhetik widersprach. Es stimmt auch, dass Eisenmenger zahlreiche Arbeiten von jüdischen und als entartet geltenden Künstlern versteckte und dadurch dem zerstörerischen Zugriff der Nationalsozialisten entzog.

Wieso statuiert Holender also gerade an dem sicherlich nicht sauberen, aber weitgehend harmlosen Eisenmenger ein Exempel?

Wenn Holender schon Eisenmengers Vorhang aus antifaschistischen Gründen verhängt: Weshalb wird der "Palestrina" von jenem Hans Pfitzner gespielt, der 1944 seinen Freund Hans Frank, NS-Generalgouverneur in Polen, mit der "Krakauer Begrüßung" ehrte? Weshalb werden die Werke von jenem Richard Strauss gespielt, der für Hitlers Olympische Spiele 1936 die "Olympische Hymne" als Eröffnungsmusik komponierte und dem bereits erwähnten Hans Frank 1943 ein - auch selbst getextetes - "Danklied" zukommen ließ? Und wieso hat Holender die Benennung des Platzes vor der Staatsoper nach Herbert von Karajan betrieben, der immerhin zweimal der NSDAP beigetreten war, ehe er Paris mit einer Aufführung des "Horst-Wessel-Lieds" beglückte?

Holenders Antifaschismus ist glaubwürdig und durch und durch ehrenhaft. Weshalb er sich mit deutlicher Zeichensetzung nur gegen Eisenmenger richtet (oder nur Eisenmenger kein Pardon gewährt), ist indessen nicht verständlich.