Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Es ist wieder da: das Abendland. Nicht nur, dass die Fanatischste Partie der Öffentlichkeit (FPÖ) vor ein paar Jahren bereits auf Plakaten "Abendland in Christenhand" gefordert hat, nein, jetzt gehen auch im schönen Dresden selbst ernannte "patriotische Europäer" gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes jeden Montag auf die Straße. Was das helfen soll, weiß zwar keiner, aber es ist sicherlich besser, als allein vor dem Fernseher zu sitzen und Bier zu trinken. Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft ist ja immer gut.

Leider wird der positive gesundheitliche Effekt durch den Mist, der auf diesen Veranstaltungen geredet wird, wieder zunichte gemacht. Da schwadroniert man über die notleidenden sächsischen Pensionisten, während angeblich die Asylwerber vor Ort in Saus und Braus leben sollen. Und das alles in einem Land, dessen Speisekarte Gerichte wie "tote Oma" kennt. Da sieht man doch, wie man traditionell dort mit alten Leuten umgeht.

Gut, einen Österreicher kann derart faktenwidriges Gelaber nicht schockieren, der ist Schlimmeres von zu Hause gewohnt. Hier muss man nur einmal bei der Melange eins der ortsansässigen Kleinformate durchblättern und schon bekommt man viel härtere Kost serviert.

Auffällig ist nur, dass der Begriff "Abendland" derart fröhliche Urständ’ feiert. Hat man sich vor ein paar Jahren noch - fast beschämt - mit der begrifflich unscharfen "Heimat" herumgeschlagen, wo man orthografisch völlig daneben gern mal "dahoam" war, erhebt jetzt das Abendland sein schwammiges Haupt. Denn was soll das bitte sein?

Auf jeden Fall anscheinend etwas sehr Fragiles. Regelmäßig wird vor dem "Untergang des Abendlandes" gewarnt und immer wieder muss das Abendland "verteidigt" werden. Begrifflich klar zu erfassen ist das spätnachmittägliche Gebilde allerdings schwieriger. Gerne beruft man sich auf das Reich Karl des Großen als Quelle alles Abendländischen. Nur sollte man in Dresden und Wien von dieser Definition besser keinen Gebrauch machen, da beide Städte damals weder eine nennenswerte Größe besaßen noch Teil des besagten Reiches waren.

Der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss hat dagegen einmal gemeint, das Abendland hätte von drei Hügeln aus seinen Ausgang genommen: Golgatha, der Akropolis und dem Capitol (dem in Rom wahrscheinlich. Und nicht dem in den USA. Vielleicht aber dem in Havanna?). Dieser Definitionsversuch ist umso herziger, da von Dresden und Wien aus gesehen zwei dieser drei Hügel im Osten liegen, einer davon sogar im Nahen Osten, und der andere - genau genommen - gar kein Hügel ist, sondern die "Oberstadt" - nur eben auf Griechisch. Und auch die seit dem 11. September zusammengezimmerte Einheit des "christlich-jüdischen" Abendlandes versucht unzureichend zu verschleiern, dass die christlichen Abendländer Jahrhunderte nichts Besseres zu tun hatten, als ihre abendländischen, jüdischen Nachbarn umzubringen, zu vertreiben, auszurauben und zu vergasen. Da hieß es dann "Gute Nacht" im Abendland. Letztlich ist das Abendland lediglich jener Landstrich, in dem die Sonne untergeht. Und kurz bevor sie ganz verschwindet, steht die Sonne ganz tief. Und da werfen auch Zwerge lange Schatten.