Der Jahreswechsel ist auch für die Politiker hierzulande Anlass, Antworten auf Fragen der näheren Zukunft zu finden.

Während sie dafür heutzutage Fachleute, Trendforscher und politische Berater konsultieren, setzten ihre antiken Kollegen auf überirdische Hilfe - und befragten eines der zahlreichen Orakel. Die zweifellos renommierteste Einrichtung war das Heiligtum des Apollo in Delphi, dessen Priester bekannt dafür waren, gegen entsprechende Spende an den Gott der Weisheit und Erkenntnis auch in schwierigsten Situationen den rechten Rat zu wissen.

Das Erfolgsrezept der antiken Zukunftsdeuter war so einfach wie genial: Ihre Aussagen waren stets eindeutig zweideutig, was den Fragesteller zwang, sich sein Problem noch einmal genau anzusehen und selbst eine Lösung zu finden. Getreu dem Motto, das in großen Lettern über dem Eingang des Apollotempels von Delphi prangte: "Erkenne dich selbst!"

Doch gerade damit taten sich die "global player" aus Politik und Wirtschaft schon damals schwer - etwa einer der treuesten "Kunden" der delphischen Politberater, der schon zu Lebzeiten für seinen Reichtum berühmte König Kroisos. Ihn konnten weder seine regelmäßigen Anfragen noch die reichen Spenden vor dem Verlust seines Reiches bewahren: dazu fehlten dem lydischen Potentaten schlicht die Fähigkeit und Bereitschaft zur realistischen Einschätzung der eigenen Möglichkeiten und der Grenzen seiner Macht.

Ausschließlich auf das eigene Urteilsvermögen wollte sich auch kein Politiker im alten Rom verlassen. In der Stadt am Tiber traf man grundsätzlich keine politische Entscheidung, ohne vorher die Zukunftsdeuter zu befragen. Die Auguren versuchten aus dem Flug der Vögel, aus Blitzen sowie aus den Eingeweiden geschlachteter Opfertiere den Willen der Götter zu ergründen.

In Zeiten schwerer Krisen und Bedrohungen griffen Roms politisch Verantwortliche noch auf einen ganz besonderen "Joker" zurück: im Jupitertempel auf dem Kapitol lagerten die sogenannten "Sibyllinischen Bücher", eine über Jahrhunderte zusammengetragene Sammlung von Orakelsprüchen und Weisheiten. Eindeutige Antworten waren auch in diesen Schriften kaum zu finden, vielmehr sollten sie dem Leser - ganz im Sinn des Gottes von Delphi - die grundsätzlichen Probleme des menschlichen Lebens und Zusammenlebens bewusst machen und ihn so bei der Suche nach entsprechenden Lösungen unterstützen.

Die Last der eigenen Entscheidung blieb also, bei aller überirdischen Hilfe, auch Roms Politikern nicht erspart; letztlich waren eben doch sie es, die das Schicksal des Landes in die Hand nehmen und für ihr Handeln gerade stehen mussten.

Mario Rausch, geboren 1970, studierte Klassische Archäologie und Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.