Oja, diese Klage: Zu viele Änderungen! Was ändert sich denn? Ständig neue Software, gut. Neue Technik, auch gut. Laptops anstelle von PCs, dann Notebooks, nun Tablets, wunderbare Dinger, papierflach, so elegant, so leicht. Neulich ist meiner bei einer Windbö fast vom Kaffeehaustisch geflogen. Aber: Das ist ja nur die halbe Änderung. Denn wenn ich das Federgewicht intensiv betreibe, reicht’s im Zug nur bis Salzburg. Dann wird es Zeit, verknäuelte Kabel mit einem Stecker dran und einen tonnenschweren Akku auszupacken, und schon ist die ganze Vornehmheit dieses Technikwunders beim Teufel. Sieht aus, als würde ich Gummistiefel zum Smoking tragen. Also ändern, aber plötzlich! Wie? Das ist ja wohl nicht meine Sache: Ich bin der Kunde.

Dann die Suchmaschinen, immer schneller, effektiver, ständig aktualisiert. Und was findet man? Wortergänzungen und Verkaufsadressen. Man braucht mindestens 300 Klicks, ehe man auf eine Information stößt, neben der nicht der Warenkorb erscheint. Ändern! Und vielleicht macht Ihr wieder ein Auto, bei dem man keine sechsbändige Einführung in die Mechatronik benötigt, damit man es überhaupt starten kann.

Und jetzt zur Kultur: Fernsehprogramm! Jeden Tag,: Krimi-Wiederholungen, Talk-, Quiz-, Koch- und Casting-Shows, unablässige Innovationsimulation und doch eine Dramaturgie wie im Provinz- Theater des 19. Jahrhunderts, wo immer dieselben Figuren auftraten - Nichte, Liebhaber, Oheim, Diener. Ändert das! Es stimmt ja gar nicht, dass nur die Amerikaner geniale Serien erfinden. Lange davor gab’s etwa im Bayerischen Rundfunk den grandiosen Zwölf-Teiler "Irgendwie und sowieso". Und im ORF die "Piefkesaga". Vorbilder mit Zukunft.

Dann würde ich gerne einmal wieder Jeans finden, die keine abgewetzten Hosenbeine haben und künstliche Löcher, aus denen weiße Fäden raushängen. Wenn ich will, dass meine Hose aussieht, als hätte ich mein Leben unter Brücken verbracht, mach ich das schon selber. Es gibt noch unbeschädigte Jeans? Die sind aber teurer als kaputte? Warum denn? Weil jeder eine kaputte haben wollte, gab es keine heilen mehr, wer nun doch eine will, muss eben zahlen. Schleunigst wieder ändern! Die kaputte Hose versteigere ich dann im Internet.

Apropos: Früher dachte ich, diese Plattformen wären so etwas wie ein Flohmarkt. Heute finde ich nur noch: "Sofort kaufen!" Also wenn ich sofort kaufen will, gehe ich ins Kaufhaus, und zwar sofort. Auch bitte zurückändern, es muss nicht alles anders werden, nur um anders zu werden.

Nehmt euch doch einfach selbst, Change-Managerinnen und -Manager, zum Beispiel: Um den ganzen Stress auszuhalten, trainiert ihr wie die Wilden auf ständig optimierten Geräten. Und dann? Steppt ihr an Schaufenstern vorbei und summt verzückt den alten Werbe-Slogan: "Ich will so bleiben wie ich bin!" Wollen wir auch.

Holger Rust,geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.