Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Hin und wieder bekomme ich Briefe von "Wiener Zeitung"-Lesern, die auf Rechtschreibfehler in diesem Blatt hinweisen. Meist sind es Flüchtigkeitsfehler, die einfach passieren - aber natürlich nicht passieren dürfen. Und es sind singuläre Erscheinungen.

Zuletzt hat Herbert Michner allerdings ein Thema angeschnitten, das von allgemeiner Bedeutung ist. "Muss nicht die Apposition, auf Deutsch Beifügung, im selben Fall stehen wie das Bezugswort?" Dann bringt er gleich ein Beispiel aus unserem Blatt: "Er arbeitete im Auftrag des Fotohändlers (Genitiv) Müller, dem Inhaber (Dativ) der Fa. Lechner."

Auch ich bekomme mein Fett ab. In einem Nachruf auf den Verleger Roland Kronigl habe ich geschrieben: "Hin und wieder erzählte Kronigl von seinem Großvater Alexander ,Sascha‘ Kolowrat (Dativ), ein Filmpionier (Nominativ), der mit Sodom und Gomorrha Filmgeschichte geschrieben hat..."

Herbert Michner hat bereits viele wertvolle Leserbriefe geschrieben. Er konnte beispielsweise die Etymologie des Schimpfwortes "Tschusch" plausibel darlegen - und hat damit die Lehrmeinung vom Kopf auf die Füße stellen. Michner hat also meistens recht, auch in diesem Fall.

Obwohl ich zu unserer Entlastung anführen könnte, dass der Duden-Band "Gutes und richtiges Deutsch" die Meinung vertritt, dass heutzutage die Apposition mit dem Bezugswort nicht immer übereinstimmen muss. Die Kongruenzregel ist löchrig geworden. Schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts werde die Apposition oft in den Dativ gesetzt, schreibt der Duden, obwohl der Bezugsausdruck im Nominativ steht: "Der Preis (Nominativ) für Brot, dem Grundnahrungsmittel (Dativ) der Bevölkerung, ist gestiegen." Die Dativapposition komme vielen normal vor, solle aber im geschriebenen Standarddeutschen vermieden werden. Besser heißt es: "Der Preis für Brot, das (nicht: dem) Grundnahrungsmittel der Bevölkerung, ist gestiegen."

Auch das zweite Thema ist schnell anhand eines Beispiels erklärt: "Am Ufer der Enns (Genitiv), ein Nebenfluss (Nominativ) der Donau, machten sie Rast." Besser heißt es: "Am Ufer der Enns, eines Nebenflusses der Donau..." Aber auch hier hat der Duden eine Rechtfertigung parat: Die erklärende Erläuterung werde oft nicht als Apposition, sondern als erklärender Zusatz, als Parenthese aufgefasst und deshalb in den Nominativ gesetzt. Und ein nachgestellter Zusatz "hat keine syntaktische Bindung". Sprich: Er muss mit dem Bezugswort nicht übereinstimmen.

Wenn es gelänge, diese syntaktische Isolierung hervorzuheben, dann könnte niemand behaupten, es wäre ein Fehler... Jeder Journalist weiß, wie das geht. Wenn an Stelle des Beistrichs ein Gedankenstrich gesetzt wird, ist die Welt in Ordnung: "Am Ufer der Enns - ein Nebenfluss der Donau - machten sie Rast."

Ich finde, das ist das Mindeste, das man jenen Lesern zuliebe tun sollte, die in der Schule gelernt haben: "Die Apposition muss im selben Fall wie das Bezugswort stehen!" Bleibt nur noch zu überlegen, was besser ist: Die Kongruenz zu beachten? Oder sich mit Gedankenstrichen durchzuschwindeln? Zu viele Gedankenstriche in einem Text stören den Lesefluss.