Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Die Aufmärsche der "Patriotischen Europäer gegen die Isalmisierung des Abendlandes" (Pegida) kennen wir bisher nur aus dem Fernsehen. Aber das könnte sich bald ändern. Es lohnt sich daher, die Diskussion in Deutschland schon jetzt zu verfolgen.

Die Veranstalter der Demonstrationen fordern ihre Anhängerschaft auf, keine Parolen zu rufen, weil diese - egal, was sie rufen - von den Medien negativ interpretiert werden würden. Aber viele halten sich nicht daran und außerdem finden sich ja auch auf den Tafeln und Transparenten politische Botschaften.

Die in Wiesbaden ansässige "Gesellschaft für deutsche Sprache" (GfdS) - sie befasst sich mit Sprachpflege und Sprachkritik und berät den Deutschen Bundestag bei Gesetzesformulierungen - hat das Vokabular der Pegida untersucht.

Wenn Pegida-Anhänger "Volksverräter" rufen und die Regierung Merkel meinen, dann handelt es sich um eine Ableitung von "Volksverrat", ein Straftatbestand aus der Nazi-Zeit. Oft skandieren die Demonstranten auch "Lügenpresse - halt die Fresse". Dahinter standen immer "völkische oder nationalistische Anliegen", sagt die GfdS-Geschäftsführerin Andrea-Eva Ewels. Gemeint ist, dass die Wahrheit von "Lügnern" systematisch unterdrückt wird. Zwar sei "Lügenpressse" keine Erfindung der Nationalsozialisten, der Ausdruck wurde aber von den Nazis wiederbelebt.

Joseph Goebbels, Reichspropagandadaleiter der NSDAP und später Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, warf der "roten", also politisch linken "Lügenpresse" vor, einen "Verleumdungsfeldzug" gegen die Nationalsozialisten zu führen. In seiner Rede zur "Rassenfrage und Weltpropaganda" im Jahr 1933 sprach Goebbels von der "Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum" - heute sind mit "Überfremdung" pauschal die Muslime gemeint.

Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz analysierte den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Begriffs "Abendland", der im Namen Pegida enthalten ist. Dieser Kampfbegriff habe abwechselnd zur Abgrenzung von Gegnern gedient und sei in den 1950er Jahren erneuert worden. Seit einiger Zeit werde er im Rechtspopulismus aufgegriffen, um den Islam auszugrenzen, etwa 2009 mit der Wahlkampfparole "Abendland in Christenhand" der FPÖ. Auch die NPD verwendet laut Benz dieses Argument, wenn sie fordert, die Siege über die Türken vor Wien 1529 und 1683 dürften nicht umsonst gewesen sein. Und die bei Pegida-Veranstaltungen oft zu hörende Floskel eines "christlich-jüdischen Abendlands", das sich gegen den Islam zur Wehr setzen müsse, sei eine ahistorische Vereinnahmung des Judentums gegen den Islam.

"Die allgemeine Unzufriedenheit der Menschen findet leider Ausdruck in diesem nationalsozialistischen Vokabular", konstatiert der GfdS-Vorsitzende Armin Burkhardt, Germanistikprofessor an der Universität Magdeburg. Dies werde vermutlich vielen Pegida-Mitläufern gar nicht bewusst sein. "Wir müssen davon ausgehen, dass auch manche besser gebildeten Menschen 70 Jahre nach Kriegsende den rechten Hintergrund dieser Wörter nicht mehr kennen." Deshalb sei es wichtig, sich mit dem Vokabular der Pegida auseinanderzusetzen und aufklärend zu wirken.