Die Österreichische Nationalbibliothek birgt einen einzigartigen Schatz: eine 1500 Jahre alte Abschrift des Werkes "De materia medica" (Über die Heilmittel), in dem der römische Arzt Pedanios Dioskurides Kenntnisse über alle Arten von Heilmitteln versammelt. Anicia Juliana, Tochter des weströmischen Kaisers Flavius Anicius Olybris, ließ aus Dioskurides’ Werk im Jahre 512 einen kostbaren Pergamentkodex mit griechischem Text herstellen und mit vielen künstlerisch gestalteten Pflanzenabbildungen ausstatten. Dieser Wiener Prachtkodex gilt als älteste und wichtigste Dioskurides-Handschrift.

Der Autor erfasste darin rund 1000 Arzneimittel und beschrieb 4740 medizinische Anwendungen - von Genussmitteln und pflanzlichen Nahrungsmitteln über tierische Stoffe, unmittelbare Arzneistoffe und Getränke bis hin zu Mineralien. Dioskurides versuchte sich an einer neuartigen Systematik, indem er die medizinische Wirkkraft als Ordnungsprinzip einführte. Die Gruppierung nach Wirkstoffgruppen hatte den Vorteil, dass der Arzt auf mehrere Arzneipflanzen nach Verfügbarkeit zurückgreifen konnte. Leider wurde diese fortschrittliche Kategorisierung noch in der Spätantike zu Gunsten der althergebrachten Methode der Alphabetisierung aufgegeben.

In einem zweiten, späteren Werk beschrieb Dioskurides die einfache Zubereitung von Mixturen, Salben, Umschlägen und Pastillen. Er gibt darin Anleitungen zur Herstellung von Ölen, empfiehlt Lakritzensaft gegen Husten und menschlichen Urin gegen den Biss giftiger Tiere. - Ein praktischer Ratgeber zur Selbstmedikation, da für alle Wirkstoffe genaue Dosierungen angegeben sind.

Dass dieses theoretische Wissen auch in der Praxis eingesetzt wurde, zeigte ein archäologischer Fund, der 1974 vor der Küste der Toskana gemacht wurde. An Bord eines im 2. Jh. v. Chr. gesunkenen Handelsschiffes fanden sich auch die Instrumente eines Arztes. Darunter war eine kleine Zinndose, die sechs graue Scheiben enthielt. Eine Analyse dieser Pillen ergab, dass sie primär aus zwei Zinkverbindungen bestehen: Hydrozinkit, auch als Zinkblüte bezeichnet, und Smithsonit, auch Zinkspat genannt. Zudem enthalten die grauen Scheiben das Eisenoxid Hämatit, Bienenwachs, Pinienharz und eine Mischung pflanzlicher und tierischer Fette sowie zahlreiche weitere pflanzliche Stoffe.

Aus Form und Zusammensetzung schließen die Forscher auf ein Heilmittel für Augenkrankheiten. Zinkverbindungen tauchen früh unter dem Sammelnamen "Cadmia" auf. Der römische Universalgelehrte Plinius beschrieb ihre Gewinnung (als Abfallprodukt der Kupferverhüttung), und der berühmte Arzt Galen empfahl sie vor allem in der Augenheilkunde und bei Hautkrankheiten.

Mario Rausch, geb. 1970, studierte Klassische Archäologie/ Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.