Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Mit ein wenig Abstand sehen die Dinge gleich anders aus. Und jetzt, da die Anschläge auf Charlie Hebdo und die letzte Pegida-Demo schon ein wenig zurück liegen, jetzt, da man sich wieder über die Kleingeistigkeit der heimischen Politik, das Geschäftsgebaren der Volksbank oder die Hilflosigkeit der internationalen Politik in der Ukrainekrise ärgern kann, in diesen Tagen, da die Menschen über ihren Steuererklärungen sitzen, über Demoverbote diskutieren und über die Orthographie zahlreicher niederösterreichischer FPÖ-Plakate lachen, jetzt kann man vielleicht langsam wieder einen klaren Gedanken fassen und sich fragen, wie groß der Unterschied zwischen den Massen ist, die in Dresden, Leipzig oder auch in Wien auf die Straße gehen und "Lügenpresse" skandieren und jenen Massen, die in der muslimischen Welt auf die Straße gehen, weil sie sich von Karikaturen beleidigt fühlen.

Besteht nicht doch irgendwo eine geistige Verwandtschaft zwischen jenen jungen Männern, die sich in religiöser Verblendung in Syrien und Irak dem IS anschließen, und jenen, die im völkischen Rausch im Rahmen der örtlichen, rechtsextremen Wehrsportgruppe durch den Schlamm robben? Wie groß ist der moralische Niveau-Unterschied wirklich zwischen denen, die in einer Redaktion um sich schießen, weil sie ein paar Zeichnungen nicht sehen wollen, und jenen, die 13 Jahre lang durch Deutschland fahren und Ausländer umbringen, weil sie die im Straßenbild nicht ertragen? Und sind sich die geistigen Ziehväter all dieser Verbrechen - ob sie nun in einer Koranschule lehren oder in der Hofburg tanzen - nicht eigentlich einig, dass Frauen hinter den Herd, Homosexuelle zwangspsychiatriert (oder gleich umgebracht) und die Demokratie bald auf den Misthaufen der Geschichte gehört?

Das Feindbild des angeblich die Welt beherrschenden Juden teilen sie ja auf jeden Fall miteinander.

Und wenn die Organisatorin des Frankfurter Pegida-Ablegers von sich behauptet, Gott habe ihr befohlen den Thron in Frankfurt zu errichten, dann ist man (in diesem Fall: frau) eigentlich nicht mehr allzu weit von Gottesstaat-Vorstellungen entfernt, die Islamisten so pflegen.

Auf der anderen Seite muss man auch festhalten, dass angesichts diverser weltweiter Probleme wie Land Grabbing, Verschmutzung der Ozeane, Folter, Trinkwasserverknappung, Ebola-Epidemie, Kindersterblichkeit, unzureichende Schulbildung, Atommüll, Ressourcenknappheit, deregulierte Finanzmärkte, Lebensmittelspekulationen, mangelnde Verteilungsgerechtigkeit, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, die Fifa oder die gute, alte, weitverbreitete Dummheit (um nur einige zu nennen), dass es also angesichts dieser Weltlage doch etwas an konstruktiven Lösungsansätzen mangelt.

Und bei weiterem Nachgrübeln stellt sich dann heraus, dass kein einziges dieser brennenden Probleme gelöst, keine dieser wichtigen Fragen beantwortet, einfach nichts auch nur ein bisschen besser wird, wenn man durch die Straßen zieht und "Wir sind das Volk" oder "Allahu Akbar" brüllt.

Das wird nichts helfen. Gar nichts.

Daher ein Vorschlag zur Güte: Könnten die bitte alle mal die
Goschen halten?

Nein? Hab ich mir gedacht. Aber einen Versuch war’s wert.