Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Über die Herkunft der Redewendung "die Arschkarte ziehen" wurde lange diskutiert - im Internet und in Kreisen der Wissenschaft. Sie bedeutet: den Schaden tragen, der Benachteiligte sein. In den Medien wurde häufig behauptet, dass die Schiedsrichter in Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens angewiesen wurden, die gelbe Karte in der Brusttasche und die rote in der Gesäßtasche zu tragen - damit die Zuseher zwischen Verwarnung und Ausschluss unterscheiden können.

Ich habe an dieser Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass dies wenig wahrscheinlich ist. Es heißt ja "die Arschkarte ziehen" und nicht "die Arschkarte (gezeigt) bekommen". Neben dem Problem der Perspektive (nicht der Spieler zieht die Karte, sondern der Schiedsrichter) gibt es noch ein zweites, ein inhaltliches Problem.
Wer "mit Rot" des Platzes verwiesen wird, hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Wenn hingegen jemand klagt, dass er schon wieder die Arschkarte gezogen hat, dann ist er unverschuldet in eine missliche Lage geraten. Zum Beispiel eine Buchhalterin: "Der Chef hat alle arbeitsintensiven Kunden mir zugeteilt - ich habe die Arschkarte gezogen."

Bei der Recherche zu meiner ersten Kolumne über dieses Thema konnte ich noch den inzwischen verstorbenen Heinz Fahnler befragen, einen national und international tätigen Schiedsrichter. Seine spontane Reaktion: "Arschkarte hat mit Fußball nichts zu tun. Es gab zu keiner Zeit eine Empfehlung der Uefa oder der Fifa, dass Schiedsrichter die rote Karte in der Gesäßtasche tragen sollen. Manche Hosen hatten gar keine Gesäßtasche."

Ich vermutete, dass die Wendung aus der Sprache der Kartenspieler stammt - was nun das "Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache" - kurz "der Kluge" - in seiner 25. Auflage bestätigt hat: "Die frühesten Belege (. . .) zeigen ausschließlich die Fügung ,die Arschkarte ziehen/gezogen haben‘ und gehen damit eindeutig auf ein Kartenspiel zurück, bei dem der Betroffene die Karte selbst zieht. Die Wendung ist daher gleichwertig mit dem früheren ,den schwarzen Peter ziehen‘". Jedes Kind weiß es: Wenn du gegen Schluss diese Karte bekommst, bist du unverschuldet auf der Verliererstraße. Erst sekundär wurde dann auch die rote Karte des Schiedsrichters als Arschkarte bezeichnet.

Das Wort Arschkarte ist in der Sprache der Kartenspieler nicht einmal so selten. Die Innsbrucker Mundartforscherin Elisabeth
Christensen hat in ihr Pfitschtaler Wörterbuch "Maindr Seggs" den Ausdruck Arschligkarschte aufgenommen: beim Kartenspiel eine umgedrehte Karte.

Hier haben wir es mit einer weiteren Bedeutung zu tun, die nicht nur in diesem Südtiroler Hochgebirgstal anzutreffen ist, sondern früher auch unter Wiener Kartenspielern beliebt war. Vor diesem Hintergrund wird ein Spruch Hugo Sperbers verständlich, den Friedrich Torberg in "Die Tante Jolesch" erwähnt: "Wenn allerdings im Verlauf der Partie eine Karte - meist infolge nachlässigen Ausspielens - mit der Rückseite nach oben auf dem Tisch landete, geriet Sperber in Zorn: ,Am Popo erkenne ich keine Gesichtszüge!‘" Und er erhob es zur Regel, dass
der Schuldige die Karte selbst umdrehen musste.