Es war schon unerhört, was dieser Aristophanes sich da wieder erlaubte! Als der athenische Komödiendichter 414 v. Chr. sein neues Stück aufführen ließ, bekamen nicht nur, wie üblich, Athens Politiker und das leicht beeinflussbare Volk ihr Fett ab, sondern auch die olympischen Götter. Im Stück "Die Vögel" beschreibt Aristophanes, wie die athenischen Bürger Peithetairos ("Berater") und Euelpides ("gute Hoffnung") ins Reich der gefiederten Himmelsbewohner auswandern und diese überzeugen, eine Stadt am Himmel zu errichten. Dieses "Wolkenkuckucksheim" sollte eine Weltherrschaft der Vögel begründen, um den Kontakt zwischen Menschen und Göttern zu kontrollieren: Kein Duft von Opferfleisch kam fortan bis zu den Unsterblichen durch, diese mussten nun Hunger leiden; sogar die Götter der "Barbaren" (der nichtgriechischen Völker) waren von dem Schachzug der Vögel betroffen.

Doch gegen den bald von Macht und Einfluss korrumpierten Pei-thetairos waren selbst die von den Göttern gesandten Schlichter Poseidon, Herakles und Triballos (ein Vertreter der barbarischen Götter) machtlos. Also riet der ständig ans Essen denkende Herakles dem Meeresgott Poseidon, die Dinge doch einfach so zu belassen wie sie sind. Am Ende siegte Pei-thetairos, der die Macht von Göttervater Zeus übernahm und Basilea, "die Königin", heiratete.

Natürlich hat Aristophanes in diesem Stück die Politik seiner Heimatstadt karikiert. Schonungslos zeigte er den Athenern, wie sie durch gewissenlose, machthungrige Demagogen verführt wurden. Der konkrete Anlass war die katastrophale Invasion Siziliens 415 v. Chr.: Die Athener befanden sich im großen Peloponnesischen Krieg und waren mit einer Flotte nach Westen gesegelt, wo sie vor Syrakus eine herbe Niederlage erlitten. Macht und Geld als alles bestimmende, letztlich obsiegende Triebkräfte der Gesellschaft - das war es, was Aristophanes dem Publikum vor Augen führen wollte.

Die Komödie wirft zudem ein Licht auf die antike Gesellschaft und deren Umgang mit der Reli- gion. Aristophanes wurde zwar wegen Verunglimpfung des Volkes und eines Demagogen angeklagt, nie aber wegen Gottlosigkeit (griechisch Asebie). Der Philosoph So-krates wurde für seine "gottlosen" Ansichten hingerichtet, Komödiendichter wie Aristophanes als Stars der Bühne gefeiert. Offenbar konnten die alten Griechen sehr gut zwischen ernstgemeinter Infragestellung der Allmacht der olympischen Götter und satirischer Überzeichnung in der Komödie unterscheiden. Die ideologische Immunität Aristophanes’ und seiner Zunftgenossen ist bemerkenswert, auch und gerade angesichts von Gräueltaten, mit denen heutzutage gewisse Kreise auf die satirische Überzeichnung religiöser Vorstellungen antworten.

Mario Rausch, geb. 1970, studierte Klassische Archäologie/Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.