Es ist meine Lieblingsgeschichte aus dem Band "Lieblose Legenden" von Wolfgang Hildesheimer (1916-1991). In "Gastspiel des Versicherungsagenten" beschreibt der deutsche Schriftsteller den (fiktiven) Pianisten Frantisek Hrdla, zu dessen Lebenstragik es gehört, dass er - der gefeierte Weltstar, das einst virtuose Wunderkind - nicht jenen Beruf ausüben kann, zu dem es ihn von Kindesbeinen an hingezogen hätte. Er wäre nämlich gerne Versicherungsagent geworden.

Aber als Spross einer Musikpädagogenfamilie blieb ihm dieser Herzenswunsch versagt. Der allzu gestrenge Vater verbot ihm den Umgang mit Agenten und Statistikern, die den jungen Frantisek über alle Maßen faszinierten. Nichts da, er musste Klavier üben - und brachte es bald zu früher Meisterschaft. Nur nachts, unter der Bettdecke, konnte er sich seiner wahren Leidenschaft hingeben, etwa der Lektüre von "Gerichtspraxis in Versicherungssachen" oder dem ersten eigenen Schreibversuch, "Kapitalreserve und Umlagesystem".

Die Geschichte endet damit, dass der Erzähler den Musiker nach einem triumphalen Konzert niedergeschlagen im Künstlerzimmer antrifft. Nichts will den Musiker aufheitern - bis er dem Gast plötzlich die Frage stellt: "Sag mal, mein Lieber, bist Du eigentlich versichert?" Als der Erzähler verneint, leuchten die Augen Hrdlas auf und er entnimmt einer Schublade einige Policen:

". . . bevor ich Eroica sagen konnte, hatte er mich gegen Mord, Unfall, Hagel und Nebel und alle Katastrophen, Untaten und höhere Gewalttaten (. . .) versichert".

An diese wunderbare Satire muss ich manchmal denken, wenn ich an einer Autowerkstätte in der Nähe meiner Wohnung vorbeigehe. Dort werkt ein Mechaniker, der für Reifenwechsel zuständig ist, mit einer derart offenkundigen Freude und Hingabe, dass man sicher sein kann, dieser Mann hat seine wahre Berufung nicht verfehlt. Obwohl er, mit unglaublicher Behändigkeit und Schnelligkeit, von früh bis spät Reifen wechselt, wird er wohl kaum je an einem Burn-Out-Syndrom leiden.

Bei den Designern und Architekten, die ihren Job nur eine Gasse weiter in quasi offener Auslage ausüben (das ist bei vielen sogenannten Kreativen neuerdings üblich, dass sie sich beim Arbeiten zusehen lassen - auch eine Art von Peepshow), bin ich mir da nicht so sicher. Wie sie angestrengt über ihren Laptops brüten, bei fast immer künstlichem Licht, in schlechter Körperhaltung, Kaffeetassen neben sich gestapelt, das sieht schon wesentlich eher nach (Selbst-)Ausbeutung aus.

Beim "Oblaten-Bäcker", noch ein paar Gassen weiter, ist der Eindruck schon wieder ein anderer. Auch der arbeitet ständig: Egal, ob spätabends oder am Wochenende, stets ist der winzige Laden in Betrieb - und man sieht den Mann auf einer kleinen Herdplatte ultradünne Oblaten herstellen. Aber auch er geht seiner Tätigkeit mit einer ostentativ ansteckenden Freude nach.

Ich wollte als Bub übrigens immer Sportreporter werden. . .