Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Ein deutscher Comedian hat aus einem Jux heraus damit begonnen. Hape Kerkeling kreierte eine Kunstfigur namens Horst Schlämmer und stellte sie selbst dar. Für jene, die diese Kunstfigur nicht kennen, eine kurze Beschreibung: Er ist stellvertretender Chefredakteur des fiktiven "Grevenbroicher Tagblatts" und stets mit einem beigen Trenchcoat bekleidet. Am Arm trägt er eine schwarze Herrenhandtasche. Weitere Charakteristika sind eine Vokuhila-Frisur, eine altmodische Brille, ein Überbiss, ein Schnurrbart und ein Bierbauch. Der Überbiss erinnert mich an Roland Düringers Auftritte als Ing. Engelbert Breitfuss in der ORF-Sitcom-Serie "MA 2412". Für meinen Geschmack ist das alles eher peinlich als lustig.

Dieser Horst Schlämmer ist ein eingebildeter Kranker. Immerfort hört man ihn klagen: "Ich habe Rücken ..." - "Ich habe Kreislauf..." - "Ich habe Füße .. ." Inzwischen macht es ihm eine ganze Nation nach. Wer unter Kopfschmerzen leidet, der "hat Kopf", wenn jemanden der Magen drückt, sagt er: "Ich habe Magen!" Dieser verkürzte Sprachgebrauch schwappt auch nach Österreich über.

Im Internet finde ich ein Wahlplakat, das Horst Schlämmer als den Spitzenkandidaten der HSP zeigt, der Horst-Schlämmer-Partei. Darunter der Slogan: "Habe Rücken. Brauche Kreuz". Ein Grund, auf dem Stimmzettel für ihn das Kreuzerl zu machen? Außerdem steht "Kreuz" natürlich auch stellvertretend für "Rückgrat haben".

Inzwischen hat auch eine gewisse Marion Grillparzer ein Buch mit dem Titel "Brauche Rücken" herausgebracht - ich nehme an, dass sie mit unserem Theaterdichter nicht verwandt ist. Dem Untertitel ist zu entnehmen, dass es sich um kein satirisches Buch handelt: "Rückenschmerzen - endlich beschwerdefrei, modernste Therapien, alternative Methoden".

Nun kann man darüber räsonieren, warum sich diese Verkürzungen einer steigenden Beliebtheit erfreuen. Vielleicht scheuen sich manche, das Wort Schmerzen auszusprechen. Wenn die Arbeit knapp wird, gehen ja auch Kranke nicht in den Krankenstand, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten.

Hinzu kommt, dass in deutschen Mundarten ähnliche Formulierungen existieren. So heißt es beispielsweise im Schwäbischen: "Ich habe Blinddarm." Wir sagen "Ich hab’s im Rücken" oder "Ich hab’s mit dem Kreislauf." Da ist es nicht weit zu den Floskeln "Ich habe Rücken" und "Ich habe Kreislauf."

Vor kurzem bin ich in einem Wellnesshotel Zeuge eines Gesprächs zweier Damen geworden. "Gehen wir in die Bio-Sauna?", fragte die eine. "Kann nicht", sagte die andere, "habe noch Lymphe."

Ich kann es niemandem verdenken, wenn er diese Massageart, mit der die Transportkapazität des Lymphgefäßsystems gesteigert wird, sprachlich so stark verkürzt. "Lymphdrainage" klingt ja wirklich nicht gut. Es ist erstaunlich, dass den Betreibern der Wellnesshotels bisher kein anderer Ausdruck eingefallen ist. Die umfassende Therapie zur Behandlung von Lymphödemen wird übrigens "Komplexe Physikalische Entstauungstherapie" genannt. Sie setzt sich aus vier Komponenten zusammen, eine davon ist die manuelle Lymphdrainage. Nein, das Wort "Entstauungstherapie" ist auch keine Lösung.