Neulich ist mir der Schauspieler Manfred Krug noch sympathischer geworden. Sie kennen doch Manfred Krug? 1937 in Duisburg geboren, übersiedelte er mit seinem (geschiedenen) Vater 1949 in die gerade gegründete DDR. Krug absolvierte eine Lehre zum Stahlschmelzer im Stahl- und Walzwerk in Brandenburg an der Havel. Nebenbei erwarb er das Abitur an einer Abendschule und begann ein Studium an der Staatlichen Schauspielschule Berlin. Ab 1957 trat Krug im Kino und im Fernsehen der DDR auf und erlangte bald beim Publikum Popularität, wehrte sich aber gegen die Versuche der Einheitspartei, ihn propagandistisch zu vereinnahmen. Ende 1976 wurde über Krug ein Teilberufsverbot verhängt, weil er den Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterzeichnet hatte.

Daraufhin beantragte er einen Ausreiseantrag und verließ im Juni 1977 die DDR. In der Bundesrepublik begann er eine zweite Karriere, erspielte sich den Rang eines TV-Stars in verschiedenen Fernsehserien, etwa als unkonventioneller LKW-Fahrer Franz Meersdonk, als eigenwilliger Rechtsanwalt Robert Liebling, vor allem aber als Kommissar Paul Stoever an der Seite von Charles Brauer als Peter Brockmöller in den "Tatort"-Folgen des NDR.

Neulich war Manfred Krug in einer der vielen deutschen TV-Talkshows zu Gast und wurde gefragt, warum er im Jahre 2001 als Kommissar in Pension gegangen sei. Krug antwortete, dass er im Lauf der Zeit die Lust an der ständigen Wiederkehr des Gleichen verloren habe und es für ihn zu anstrengend, weil zu langweilig geworden war, immer wieder die nämlichen doofen Sätze sagen und fragen zu müssen. "Es ist doch furchtbar deprimierend", sagte Krug, "stets aufs Neue fragen zu müssen: Wo waren Sie Freitagabend zwischen 20 und 23 Uhr?"

Und da fiel mir der alte Specht ein. Die ersten Begegnungen mit Lyrik verdanke ich nämlich meiner Großmutter. Sie deklamierte einprägsam mir bis heute im Gedächtnis verankerte lebenskundliche Merkverse, wie zum Beispiele diese:

Der alte Specht,
der klopft schon schlecht.
Ja, früher wie er jünger war,
da klopfte er ganz wunderbar.

Den alten Specht höre ich seit Jahrzehnten im Fernsehen klopfen. Sei’s in einem Liebes- oder Problemfilm, sei’s in einer Krimi- oder Heimatserie - wann immer die Handlung aus der eleganten Villa auf die Veranda nebst angeschlossenem Garten tritt oder sich auf einer idyllischen Sommerwiese niederlässt, wird zur romantischen Klanguntermalung der bekannte Vogelstimmenchor eingespielt. Ornithologen können jede einzelne gewiss problemlos erkennen. Ich kann das nicht.

Doch ich erkenne jedes Mal unzweifelhaft das rhythmische Klopfen des Spechts, das den Chor kontrapunktisch begleitet. Meine Großmutter hätt’ ihre Freude dran. Hingegen sind vielleicht Kommissar Stoever im Lauf der Zeit nicht nur die doofen Berufssätze auf die Nerven gegangen, sondern auch die plumpe Wiederkehr des hintergründigen Spechtgeklopfes in den deutschen Spielfilmen.