"Du bist nichts anderes als eine Konstruktion islamophober Ängste des Westens", sagte der Experte für postkoloniale Eurozentrismus-Kritik zu dem maskierten IS-Kämpfer, der mit angelegter Kalaschnikoff vor ihm stand. "Das könnte dir so passen", erwiderte der und drückte ab. Noch im Verbluten hauchte der Kulturwissenschafter: "Gewalt ist keine Lösung."

Diese Szene ist mir vor kurzem eingefallen. Ich schrieb sie gleich auf und war ein bisschen stolz auf ihren brachialen, "Charlie-Hebdo"-artigen Witz. Aber schon beim zweiten Lesen regten sich Bedenken. Natürlich kann angesichts der Weltlage ein gewisser Zynismus der privaten Entlastung dienen - aber ist es klug, solch islamophobe Zuspitzungen zu veröffentlichen?

Kann sein, dass es nicht klug ist. Aber ich tue es trotzdem. Erstens halte ich nichts davon, meine Gedanken mit der ängstlichen Formel "das darf man nicht laut sagen" zu zensieren. Zweitens finde ich - wie viele andere auch - den Ausdruck "islamophob" fragwürdig. Eine Phobie, das ist eine psychische Krankheit, also werden alle Kritiker des Islam oder des Islamismus durch die Vokabel "islamophob" pathologisiert. Eigenartig, dass das denjenigen nicht auffällt, die sonst so sensibel vor jeder noch so subtilen Form des "Generalverdachts" warnen.

Aber davon abgesehen, geht es in meinem Szenario gar nicht um den Islam, sondern um den Terror einer faschistischen Gruppierung, die sich selbst "Islamischer Staat" (IS) nennt, ein neues Kalifat errichten will und langfristig expansive Pläne hat. Wer sich eine Vorstellung von der Schlagkraft dieser Mördertruppe machen möchte, sollte das Buch "ISIS. Der globale Dschihad" von Bruno Schirra lesen, das im Econ-Verlag erschienen ist.

Dort steht zu lesen: "Zum ersten Mal hat sich eine dschihadistische Terrorgruppe ihren eigenen Staat erobert - und kann ihn halten. Der alte Nahe und Mittlere Osten ist dabei, hoffnungslos im blutigen Glaubenschaos zu versinken".

Wenn diese Sätze ungefähr der Realität entsprechen (und vieles spricht dafür), dann ist es nicht damit getan, den bekannten Gedanken wiederzukäuen, den der Literaturkritiker Edward Said 1978 in seiner Studie "Orientalismus" ausgebreitet hat. Said erklärte, nichts von dem, was Europa über den Orient sage, singe, male oder denke, habe mit der Wirklichkeit zu tun. Es entspringe allein den "orientalistischen" Angst- und Wunschfantasien des imperialistischen Westens.

Diese These bedarf der Revision. Denn die islamisch motivierten Massenmörder sind keine "islamophoben" Popanze, sie töten wirklich. Sie würden gegebenenfalls auch "postkolonial" motivierte Theoretiker samt ihren wohlmeinenden Verständnisangeboten über den Haufen schießen.

Vor dieser Erkenntnis schützen keine elaborierten intellektuellen Illusionen. So gesehen, sind die Hauptobjekte meiner Kritik die arglosen Kulturwissenschafter, die diese Glosse ja vielleicht lesen - im Unterschied zu den IS-Kämpfern.