Es war im Jahr 404 v. Chr., als ein griechisches Söldnerheer durch das nördliche Zweistromland zurück in die Heimat marschierte. Diesen Zug hat der antike Abenteurer und Schriftsteller Xenophon in seiner "Anabasis" beschrieben, ein Stück antiker Literatur, das vereinzelt noch heute an humanistischen Gymnasien gelesen wird. Ursprünglich waren die Griechen vom Bruder des damaligen persischen Großkönigs angeheuert worden, um für diesen die Macht im Perserreich zu übernehmen. Die Söldnerschar siegte tatsächlich, doch der Usurpator kam ums Leben und so kehrten sie unverrichteter Dinge nach Griechenland zurück.

Dabei kamen sie im Nordirak an den Ruinen jener Stadt vorbei, die Xenophon Larisa nannte und als "öde" bezeichnete. Moderne Forscher setzen sie mit Nimrud gleich, der ersten Hauptstadt des Neuassyrischen Reiches. Die Reste von Nimrud liegen rund 30 Kilometer südöstlich der heutigen Stadt Mossul am Ufer des Tigris. Bereits zur Zeit des Mittelassyrischen Reiches (13. Jh. v. Chr.) gegründet, wurde sie im 9. Jh. v. Chr. von Assurnasirpal II. zur Residenz ausgebaut. Der König gilt als Begründer des Neuassyrischen Reiches, in dem der Norden des heutigen Irak zum Zentrum eines Staates wurde, der von der Grenze des Iran bis Ägypten reichte.

Den Zenit ihrer Macht erreichten die Assyrer im 7. Jh. v. Chr. unter König Assurbanipal, der auch weite Teile Ägyptens unter seine Herrschaft brachte. Mithin kon-trollierten die Assyrer das gesamte Gebiet des "Fruchtbaren Halbmondes". Doch die aggressive Expan-sion hatte negative Folgen für das assyrische Kernland: Da immer mehr Soldaten und Beamte in fernen Ländern Dienst tun mussten, ging die Produktivität in der Heimat dramatisch zurück, was man durch immer neue Eroberungen zu kompensieren versuchte. Ende des 7. Jh. v. Chr. war es dann so weit: Im Bündnis mit den Medern schüttelten die Babylonier die verhasste Herrschaft der Assyrer ab, wobei weite Teile des Landes entvölkert wurden. Noch Xenophon und seine Söldner sahen die Folgen der Massaker.

Dass in der Region heute ähnlich verheerende Zustände herrschen, liegt primär an den IS-Terroristen, die auch vor der Schändung historisch wertvoller Artefakte nicht Halt machen; im Museum von Mossul wurden jüngst Fundstück der assyrischen Epoche mit Presslufthämmern zerstört und das Ausgrabungsgelände der altassyrischen Metropole Nimrud verwüstet. Die Vandalen verweisen auf das Vorbild des Bildersturms, mit dem der Prophet Mohammed im Jahr 630 gegen die heidnischen Götzenbilder vorgegangen sei. Als Legitimation wird gern die 5. Sure des Koran angeführt: "Siehe, der Wein, das Spiel, die Bilder (. . .) sind ein Gräuel von Satans Werk. Meidet sie!"

Mario Rausch, geb. 1970, studierte Klassische Archäologie/ Alte Geschichte; lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.