Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Ich bin immer auf der Suche nach neuen Wörtern. Mein Freund Fritz weiß das, deshalb stellt er mir diese Frage: "Kennst du den Ausdruck Halalismus?" - "Ich kenne halal", sage ich, "da geht es um Speisevorschriften der Muslime - es ist das Äquivalent zu koscher bei den Juden."

Das arabische Wort kann mit
"erlaubt" oder mit "zulässig" übersetzt werden. In der Praxis bedeutet das: kein Schwein, kein Blut, kein Alkohol.

Fritz nennt mir Beispiele für
Halalismus in Österreich. "Wenn ein Kebab-Standler Käsekrainer anbietet, kannst du sicher sein, dass es Putenfleisch ist. Du musst nur fragen, ob da eh kein Schweinefleisch drinnen ist. Dann bekommst du eine ehrliche Antwort." Bemerkenswert sei auch die Praxis der großen Konzerne, Kosmetikartikel ohne Alkohol anzubieten und dies in Aufschriften hervorzustreichen, um muslimische Kunden anzusprechen.

Somit ist klar, was Fritz unter Halalismus versteht - religiöse Vorschriften der Muslime durchdringen heimlich, still und leise unsere Konsumgesellschaft. Viele sehen das gelassen - solange sie noch irgendwo ihr gebackenes Schweinsschnitzel kriegen und ein Glaserl Wein trinken dürfen. Andere meinen: Alkoholfreie Kosmetikartikel sind ohnedies hautfreundlicher und Putenfleisch ist gesünder.

Aber das Wort hat auch eine umfassendere Bedeutung. Es wurde
von dem angesehenen französischen Soziologen Gilles Kepel popularisiert. Kepel untersuchte die Zustände an den Schulen in den
"quartieres", interviewte Lehrer, die ihren Job hinwarfen, weil sie ihre Klassen nicht mehr kontrollieren konnten. Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt, wie das Leben an den Schulen "halalisiert" wurde.
Mädchen wurden von ihren älteren Brüdern überwacht und mit Fäusten und Gürteln geschlagen, wenn sie nach deren Ansicht gegen das Tugendgebot verstießen; Lehrerinnen scheuten sich, Röcke und Kleider zu tragen; Eltern
verlangten, dass die Geschlechter getrennt schwimmen gehen; Väter weigerten sich, weiblichen
Lehrkräften die Hand zu geben; manche Schüler weigerten sich, in der Mathematik das Pluszeichen zu verwenden, weil es einem Kreuz gleiche und so weiter.

Mark Lilla, Professor für Geisteswissenschaften an der Columbia
University, New York City, und Fellow am Institut d’études avancées in Paris kritisiert, dass in Frankreich viele Journalisten und Erziehungswissenschafter derartige Berichte als "nicht repräsentativ" abtun. Außerdem - so ein weiterer Einwand - würde dies Muslime stigmatisieren und dem Front national in die Hände spielen. Mark Lilla sieht das anders: "Wenn es etwas gibt, das dem Front national in die Hände spielt, dann ist es diese Vogel-Strauß-Politik."

Seit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" wagen sich in Paris immer mehr Lehrer an die Öffentlichkeit. Bei uns werden vergleichbare Vorkommnisse unter den Teppich gekehrt. Ich höre von Wiener Lehrern glaubwürdige Berichte, die kein verantwortungsvoller Journalist abdrucken würde, um nicht der FPÖ Munition zu liefern. Die Politiker von SPÖ, ÖVP und von den Grünen sind aus
ähnlichen Gründen zurückhaltend. Was zur Folge hat, dass sich Heinz-Christian Strache plakativ als "Der Einzige" präsentieren kann.