Die Volksschule, die ich in den 1960er Jahren besuchte, war von außen besehen ein hässlicher, alter Kasten. In den Klassenzimmern war das Schönste die grüne Tafel - vor allem, wenn ihre Flügel nach innen geklappt wurden: Dann erschienen Szenen aus Rotkäppchen, Schneewittchen oder dem tapferen Schneiderlein.

Heute sieht die Schule völlig anders aus. Das alte Gebäude wurde in den Achtzigerjahren abgerissen, und ein prominenter österreichischer Architekt errichtete statt dessen ein hübsches Ensemble mit einem netten Vorplatz. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeikomme, freue ich mich, dass Kinder heutzutage eine derart einladende Schule besuchen können.

Unlängst bestieg ich unweit davon eine Straßenbahn, die bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt war: von einer Volksschulklasse auf Exkursion. Die Kinder saßen zusammengedrängt nebeneinander, manche aufeinander - und das Verblüffende dabei war, dass keines einen Mucks machte. Kein Scherzwort, kein Lachen, nicht ein einziger Zuruf waren zu hören.

Ich fand einen Stehplatz neben der Lehrerin und fragte sie, ob ihre Klasse aus der Schule stamme, die ich damals besucht hatte. Sie bejahte, erwähnte, dass sie in den Donaupark unterwegs seien und verriet mir, obwohl ich nicht nach dem Grund der auffälligen Stille gefragt hatte: "Unsere Kinder haben in den öffentlichen Verkehrsmitteln Sprechverbot." Aha. Damit die Erwachsenen, die so früh am Tag bereits wichtige Telefonate führen, dabei nicht etwa gestört würden!?

Ich wandte ein, dass unsere Gesellschaft es wohl aushalten müsse, wenn Kinder sich in der Tramway miteinander unterhalten. "Bei uns ist das aber so", entgegnete die Lehrerin und fügte mit hörbarem Stolz hinzu: "Und es funktioniert."

Das war ja das Merkwürdigste daran: die Tatsache, dass alle Kinder sich auch an dieses seltsame Verbot hielten. Da fragt man sich unwillkürlich, welche Mittel eingesetzt werden müssen, um junge Menschen zu einem derartig unnatürlichen Verhalten zu veranlassen - und das Ganze bis zum Donaupark, bestimmt also eine knappe Stunde lang.

Ein Bub, der in meiner Nähe saß, hielt die Sache allerdings doch nicht mehr aus. Er grinste mich an, feixte und erzählte mir schließlich ein Ferienerlebnis. Seine Lehrerin versuchte freilich, ihn mit Gesten zum Schweigen zu bringen, fand sich jedoch auf verlorenem Posten, da ich das Gespräch mit dem Schüler bis zu jener Station fortstetzte, an der ich ausstieg.

Seit diesem Erlebnis sehe ich den "alten Kasten" mit anderen Augen. Okay, er war hässlich, und unsere Pulte trugen Tintenflecken, die wohl noch aus der Vorkriegszeit stammten. Und von unseren Lehrerinnen waren manche ein wenig streng und andere wieder nicht - aber keine hat jemals von uns verlangt, dass wir in der Straßenbahn stumm dazusitzen hätten.

Hans-Paul Nosko ist Journalist und lebt in Wien.